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Mittwoch, 26. März 2014

Ville San Cristóbal de La Habana

Mein erster Eindruck , als wir mit dem Taxi vom Flughafen Richtung Stadtzentrum gefahren sind, war: *Krass, wir machen hier voll Ghetto-Tourismus*. Überall Zerfall und ruinöse Häuser. Bereits am zweiten Tag wandelte sich diese Wahrnehmung in Faszination. Kreuz und quer liefen wir durch die Altstadt und das Zentrum und staunten über dieses Ausmaß (!) der kolonialen Stadt. Was Prachtsbauten! Was eine Stadtanlage! Die charmanten Plätze, die wunderhübschen Innenhöfe, die kleinen Parks, die Straßenachsen, die die Blicke so gefällig lenken… 

Wie in Venedig wünschte ich mir, ich könnte ein Mal kurz Mäuschen spielen zu der Zeit, in der diese Stadt in voller Blüte stand - etwa zu Jugendstilzeiten mich treffen können mit Sarah Bernhardt im Inglaterra und mit ihr gemeinsam über den vielvereehrten Alfons Mucha schwärmen. Oder später mit Marlene Dietrich irgendwo in Hafennähe über die ortsansässige Schnapsnase, den amerikanischen Spion Hemingway lästern.

Havanna ist in jeder Art einzigartig! Länger als überall anderswo in der Karibik dauerten Kolonialzeit und Sklaverei an. So schwammen die Plantagenbesitzer in Geld und investierten in fürstliche Paläste und einen pompösen Lebensstil. Die ältesten Bauten stammen aus dem 16. Jahrhundert, aus der Zeit als Havanna von den Spaniern gegründet wurden. 407 Jahre (!) war Kuba in den Händen ihrer spanischen Ausbeuter - mit lediglich einer kurzer Unterbrechung durch England - um dann, als sich das koloniale Ende endlich abzeigte (kein Sklavenaufstand war bis dahin geglückt), in die bereits lange lüsternde imperialistische Gewalt der Amerikaner überzugehen. Einen *mysteriösen Unfall* im Hafen von Havanna, infolge dessen das amerik. Schlachtschiff Maine samt Besatzung in Flammen aufging, nahm die USA als Anlaß, um auf Kuba militärisch einzugreifen (eine wohl bekannte, traditionelle amerikanische Militärstrategie).

Die Zeit der amerikanischen Besetzung brachte neues Leid, neue Investoren und Havanna einen neuen Aufschwung – die USA kontrollierte die Politik,  das Kapital und die Wirtschaft und machten Havanna zu dem das, was der amerikanische Politologe Meyer das *Bordell der USA* nannte.

Vor diesem Hintergrund ist der gigantische Freudentaumel, in den ganz Kuba über die erfolgreiche Revolution versank, zu leicht nachvollziehen. Allen voran suchten Fidel Castro und der argentinische Arzt Ernesto *Che* Guervara nach Auswegen aus dem jahruhndertelangen Elend. Mit einem gewaltigen Kraftakt gingen sie mit dem Stahlbesen durch, enteigneten US-Unternehmen und leiteten eine grundlegende Agrarreform ein. Arbeitslosigkeit, Prostitution und Glücksspiel verschwandten von der Insel. Und die Zeit des elendigen Embargo initiiert von Amerika, gestützt und mitgetragen von der ganzen Welt, begann. Eine Epoche der neuzeitlichen Folter für die es keine Folterknechte mehr benötigt: es reicht, Welthandel und Weltbank vorzusitzen und kein spanischer Stiefel könnte effektiver sein.

Havanna ist nicht umsonst Weltkulturerbe. Die koloniale Pracht ist das eine. Gleichzeitig ist diese Stadt aber auch ein überdimensionales Mahnmal für die Ausbeutung, Unterdrückung, das Elend, Blut und den Tod ganzer versklavter Bevölkerungsgruppen, auf deren Schultern sie entstanden ist. Oder, um es mit Humboldt zu sagen, der ebenfalls zu den berühmten Besuchern Havannas zählte: *Indem wir die Einheit des Menschengeschlechts behaupten, widerstehen wir auch jeder unerfreulichen Annahme von höheren und niederen Menschenrassen.* Obendrein für mich ein bitteres Beispiel für die Sinnlosigkeit des Krieges. Geht Kuba demnächst wieder auf, für was sind nur all die Menschen um Che und Fidel gestorben?

Was wir auf der Insel als Touristen mit den Menschen erlebt haben, ist eine Sache, Havanna ist eine andere und unbedingt eine Reise wert.

Kommentare :

  1. Schade, dass so viele dieser ehemals wunderschönen Gebäude (das sieht man ja jetzt noch) so am Zerfallen sind, aber man kann sich anhand deiner Fotoauswahl sehr gut vorstellen, welche Blüte diese Stadt einmal erlebt hat, dass aber auch heute noch Vieles davon zu entdecken ist.
    Danke fürs virtuelle Mitnehmen und deine immer so offenen Worte dazu.

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  2. Havanna war für mein ganz besonderes Erlebnis, das sich mit nichts, was ich davor je an Städten gesehen hatte, vergleichen lässt. Ein Moloch unter Benzingeruch und dem ständigen Brummen der Klimaanlagen, die Läden auf Temperaturen um den Nullpunkt frosten in Hafennähe und dagegen die morbide ehemalige Pracht dieser Stadt. Ganze Stadtviertel mit zerbröckelnder, hochherrschaftlicher Architektur, bei der man jedem Kind zurufen möchte, den Balkon bitte nicht zu betreten. Die ehemals 5m hohen Räume mit Zwischendecken unterteilt, um mehr Wohnraum zu schaffen, alles an jeder Ecke abgestützt... Faszination und Entsetzen gleichzeitig. Deien Fotos haben das wunderbar eingefangen. Fassungslosigkeit auch über die Gelassenheit der Bewohner, die offensichtlich in den letzten hundert Jahren keinerlei Anstrengung unternommen haben, ihre Häuser zu erhalten (wie sie das durchaus mit ihren Autos tun). Das gelingt ja auch andernorts mit sehr wenigen Mitteln. Stürzt ein Haus ein, wird es verlassen und ein anderes gesucht.
    Das revolutionsmuseum in Havanna hat bei mir auch die Frage aufkommen lassen, was Ché wohl zu dem Kuba sagen würde, das er heute vorfinden würde - gelähmt vom jahrzehntelangen Embargo der UAS und gleichzeitig mit so viel wuchernder Prostitution (in jedem Bereich) für Dollars.

    Herzlich, Katja

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  3. Verdammt, da packt mich das Fernweh. Tolle Bilder!

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  4. so surreal, die bilder. ja, havanna klingt gut, tatsächlich.

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  5. Hat sich seit unserem Besuch kaum verändert, außer dass noch mehr bröselt. Einfach irre, danke für die schönen Bilder

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  6. Tolle Bilder ... danke. Also muss ich da doch mal hin? (Ist eigentlich eine rethorische Frage!).
    Liebe Grüsse aus Zürich,
    Andy

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