Mittwoch, 12. Juli 2017

Zeit zu leben: Auberginensalat mit Amaranth


... Zeit zu sterben.* Für mich ein Meilenstein in meiner persönlichen Literaturgeschichte, der in mir arbeitet. So intensiv, so unmittelbar, so wahrhaftig nimmt mich Erich Maria Remarque an der Hand durch dunkle, deutsche Vergangenheit. Und ich weiß nicht, ob ich erneut den Mut aufbringen werde, ein weiteres Buch von ihm zu lesen. Aber bereits dieses eine ersetzt mir das ewig verschobene Gespräch mit meinen Großvätern. Ein Gespräch, das ich nie führen konnte, weil beide bereits vor meiner Geburt verstorben waren. Als Zeitzeugen blieben mir meine Großmütter. Doch nur wenig Berichte schafften es über ihre Lippen: über Kriegszeiten legt sich auch im Nachhinein ein Mantel des Schweigens. Die Antworten auf meine Fragen fand ich unerwartet bei Remarque. Vielleicht sogar mehr als das - wer weiß, ob ich gewagt hätte, derart tief mit meiner Neugier vorzudringen.

Wie bei allen Büchern, die mich sehr bewegen, fällt es mir schwer, etwas herauszugreifen: zu viel ist unterstrichen und für mich von großer Tragweite. Auf einen Schlag werden vage Vermutungen in konkrete Worte gefaßt. Seit der Pupertät kaue ich auf der Frage, wo mitten im Krieg Platz für die Liebe sein soll. Wie lebt man in solchen Zeiten Beziehungen? Was macht Krieg überhaupt mit der Beziehungsfähigkeit von Menschen? Bei körperlicher Unversehrtheit wie aber steht es um das Innere? Kann sich das Gemüt wieder regenerieren nach so viel erlebten Lügen, nach Schmerz, Leid, Trauer, Elend, Tod? Wird Schuld weitervererbt? Oder macht der Fluch der bösen Taten einfach halt vor einer neuen Generation?

Wird Krieg fortgeführt dadurch, dass der eine meiner Großväter sein Kind misshandelte und der andere von Depressionen verhangen war. Und wieso fällt es diesen Kindern als Erwachsene oft ebenfalls schwer, Nähe zu ihren Kindern aufzubauen? Wieviele Väter dieser Generation waren nie anwesend und versteckten sich hinter ihrer Arbeit, während die Mütter alleine mit den Kindern blieben. Und wieviele der Mütter, die wiederum von ihren Müttern kaum Zärtlichkeiten erfahren hatten, waren in der Lage aus sich heraus Wärme zu entwickeln zu den ihren? Wie steht es um die Beziehungsfähigkeit meiner Generation, eine Generation, die während der längsten Friedensperiode geboren wurde, die Europa je erlebt hat?

Bildhaft, greifbar, so sehr, dass mir der Atem stockte, beschreibt Erich Maria Remarque verschiedene Facetten der Angst. Diese, die sein Buch erzeugt, läßt mich vor dem Menschen gruseln:  

*Es ist sonderbar*, sagt er. *Man glaubt oft, ein Mörder müsse überall und immer ein Mörder sein und nichts anderes. Dabei genügt es doch, wenn er es nur ab und zu und nur in einem schmalen Teil seines Wesens ist, um entsetzliches Elend zu verbreiten. Oder nicht?*
*Ja*, erwiderte Graeber. *Eine Hyäne ist immer eine Hyäne. Ein Mensch hat mehr Variationen.*

Und mehr denn je bin ich davon überzeugt: es ist noch nicht vorbei. Ich will ständig und dauernd Menschen begegnen, die ohne Wenn und Aber für Pazifismus einstehen.

*Die Menschheit ist nicht in glattem Verlauf vorwärts gekommen. Immer nur in Schüben, Rucken, Rückfällen und Krämpfen. Wir waren zu hochmütig; wir glaubten unsere blutige Vergangenheit bereits überwunden zu haben. Jetzt wisssen wir, dass wir uns noch nicht einmal umsehen dürfen, ohne nicht wieder von ihr erreicht zu werden.*

So, Zeit zu essen. Rausgesucht für heute habe ich als Gegengewicht leichte Kost und zwar einen Salat, den ich mir direkt nach Erscheinen bei Robert vormerkte. Ich stellte ihn zum Grillen mit unseren Feriengästen auf den Tisch und er kam nicht nur bei mir gut an.


Zutaten*:

2 kleine, violette oder getigerte Auberginen, ca. 400 g total
1 knapper TL Fleur de Sel
1 EL Koriandersamen, fein zerdrückt
Abrieb einer Bioorange
4-5 EL Olivenöl
1 Msp. Kardamompulver
100 g Amaranth
3 Scheiben Ingwer, geschält
1 Bund glatte Petersilie, Blätter abgezupft, gehackt
1 kleiner Bund Rucola, gehackt
einige Stiele Koriander, gehackt
einige Minzblätter, gehackt, zum Abschmecken
3-4 getrocknete Tomaten, fein gewürfelt

für die Vinaigrette:
50 ml Gemüsebrühe, ungesalzen
Harissa
2-3 EL Orangensaft
2 EL Balsamessig, weiss
Kräutersalz zum Abschmecken, nach Bedarf

Zubereitung:

Ofen auf 190°C Umluft aufheizen.
 
Fleur de Sel mit Korianderkörnern, Kardamom und Orangenschale mörsern, mit Olivenöl verreiben.
 
Auberginen schälen und in 1 cm grosse Würfel schneiden. Das Würzöl mit den Auberginenwürfeln innig vermischen. Backblech mit Backpapier auslegen, gewürzte Auberginen darauf verteilen und ca. 20 Minuten backen. Danach auf dem Blech auskühlen lassen.

Amaranth mit dem Ingwer in ca. 3 dl kochendem Wasser  während ca. 15 Minuten auf mittlerer Stufe weich garen. Ein wenig Biss darf er noch haben. In den letzten 5 Minuten die Tomaten unterrühren.
 
In ein Sieb abschütten, abtropfen lassen. In einer Schüssel mit den Auberginen, den gehackten Kräutern und der Vinaigrette mischen.

*Anmerkung m: ich habe die Quantität an frischen Kräutern etwas erhöht. 

Kommentare:

  1. Danke. Denn: JA!
    Nur die "Ich-liebe-Auberginen"-Facette des Kerls muss ich noch finden...

    Herzlich,
    Charlotte

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    1. Erst nachdem ich hier mit Auberginen so *konfrontiert* wurde, und sie auch wirklich wunderherrlich im Treibhaus wachsen, weiß ich sie zu schätzen. Es braucht auber auch die richtigen Rezepte - die können nämlich schon auf doof, die Auberginen... ganz herzlich zurück!

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  2. Ich fand die Bücher von Sabine Bode sehr hilfreich: "Die vergessene Generation - Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen" und auch "Kriegsenkel - Die Erben der vergessenen Generation". Es hat für mich auch unbeantwortete Fragen meiner Großeltern geklärt und gibt auch in einigen Punkten sehr nachvollziehbare Ansätze über das Verhalten meiner Eltern.
    Grüße vom Alpenveilchen

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    1. Oh, vielen Dank, Alpenveilchen für Deine Anregung - das Buch schaue ich mir an. Auch wenn die Lebensgeschichten individuell sind, werden manche Traumata wohl ähnlich sein. Bin ich froh, Krieg seither nicht unmittelbar erlebt zu haben, ich kann gar nicht sagen wie sehr!

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  3. Mit einem meiner Großväter habe ich sehr viel über den Krieg geredet - zeitweise mit dem Gefühl, er könne über gar nichts anderes reden. Es waren immer die gleichen Geschichten und seine Vergangenheit hat ihn sehr beschäftigt - und sicher auch belastet. Uns hat er meist nur die "lustigen" Anekdoten erzählt, Sachen zum Schmunzeln inmitten des Schreckens. Was für ein Horror...
    Liebe Grüße!

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    1. Ein unvorstellbarer Horror, oder Maria! Wie kann man dann Menschen, die vor Krieg fliehen, die Tür zuwerfen. So lange ist es doch gar nicht her, dass unsere Vorfahren durch ähnliches Leid durch mußten. Ich verstehe die Menschen nicht - also viele...
      ganz liebe Grüße und euch ein schönes WE

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    2. Ich verstehe das auch nicht, komme aber zur Einsicht, dass das Leid anderer vielen egal ist. Aus der Geschichte lernen wohl nur jene, die daraus lernen wollen ...
      LG Alpenveilchen

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  4. Dieser Auberginensalat ist sehr lecker! Bei uns gab es Ziegenmilchquark mit Minze abgeschmeckt und Foccacia dazu. Fein. Die Süsse der Orangen und die Würze der äh ja Gewürze.... nomen est omen und sehr lecker! Danke, liebe Micha und Grüße!

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    1. Ich habe diesen Salat bereits auch zum zweiten Mal diesen Sommer serviert. Dann mit Qunioa - paßt auch super. Und gelle, liebe Hannah, du bist nicht vergessen. Wenn sich der ruhige Moment endlich einstellt - es kann sich nur noch um Tage handeln ;) - dann in ausführlich und per Mail! liebe Grüße zurück!!!

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