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Freitag, 18. September 2015

Zu Tisch mit #2 .... RW


Laß' ich es unverschnörkelt raus, wie es ist: der Roger Willemsen ist kein Mann, um den man sich auf dem Land reißen würde. Ich bezweifle doch stark, dass man den Roger auch nur hinstellen kann, um ein Ikea-Regal aufzubauen. Zwei linke Hände bringen dich hier leicht auf die Reservebank. Aber läuft es nicht generell derart, dass eine meisterliche Könnerschaft mit einem daraus resultierenden Defizit einher geht. Plattestes Beispiel: zu viele Kopfbälle steigern nicht die Rhetorik. Letzters wiederum darf man mit Fug und Recht genau Roger Willemsens Element bezeichnen.

Und zwar auffallend: kein normaler Mensch redet auf der Straße so. So hochgestochen, überkandidelt, mit einer solchen Fremdwörterdichte und derart verschachtelten Sätzen. Das geht schon Richtung intellektuell verschroben.  Fast meint man, einen Dünkel (*Bildungsschicht*) raushören zu können - was bestimmt auf den ein oder anderen abschreckend wirken mag. Doch eben diese überstrukturierte Sprache, dieser überborstende Wortfundus macht es für mich spannend, zu sehen ob ich ihm folgen kann. Ihm, den anerkannten Schnelldenker und Schnellredner, der das Reisen liebt und versucht, als Freigeist zu leben. Roger Willemsen - der mentale Expander für zuhause.

Sein letztes Buch *Das hohe Haus* fasziniert mich - die Idee, das Parlament unter die Beobachtung eines mündigen Bürgers zu stellen, hat was.  Hier wird Roger sehr unterhaltend dazu befragt. Jedes Land bräuchte jedes Jahr einen derartigen Den-Volksvertretern-auf-die-Finger-Gucker!

Roger Willemsen  gebraucht seine Wortgewalt, um sich laut und stark zu machen für Positionen, die mir sehr gut gefallen. Beispiele. Auf schlichte Fragen wie: *Sind Sie Parzifist?* antwortet Roger Willemsen mit einem ebenso schlichten *Ja*. Mit einfachem Punkt dahinter. Die Vorraussetzung für Mut ist, sich notfalls auch selbst zu schaden. Das braucht es wohl, wenn man für eine Sache einstehen, Haltungen annehmen will, dann, wenn es richtig ungemütlich wird. *Sätze, für die man durchs Feuer geht*, weil man meint, was man sagt.  Und überhaupt kann Lau-Sein keine Lösung sein..

 *Wir haben eine weitgehend scheiß-liberale Beurteilung dessen, was ein Standpunkt ist. Wir haben eine Meinungsfreiheit, die meistens für die Dinge in Anspruch genommen wird, für die man keine Meinungsfreiheit braucht, sondern ein starkes Drängen in die Konsensmitte.* (hier entnommen)

Sehrsehr empfehlenswert für alle, die auf irgendeine Art öffentlich schreiben oder denken: Roger zur Kunst des Streitens in der Mediengesellschaft. Oder um sich einfach überhaupt zum Mitdenken inspirieren zu lassen - Roger zeigt sich hier als flammender Redner (die Sprachbilder! *Lauge der Belanglosigkeit*). Was wohl sonst rauft eine Demokratie, die viele unterschiedliche Interressen vereinen soll, zusammen, wenn nicht die Fähigkeit zur ernsthaften Auseinandersetzung!

Kurioserweise scheint es mir manchmal, als nutze Roger seine Sprache in gleichem Maß, um die Menschen von sich fern zu halten wie um Brücken zu ihnen zu schlagen.

Nun ist Roger an Krebs erkrankt. Mit einem gemeinsamen Essen würde ich ihn gerne ablenken wollen. Weshalb er heute als zweiter Gast in meiner neuen Ruprik *Zu Tisch mit... * eingeladen ist. Herzlich. Zu diesem Zweck bekommt er von mir gewöhnliche Hausmannskost serviert. Herr Willemsen kann - wie auch mit zwei linken Händen - überhaupt nicht kochen. Und in die gehobenere Gastronomie wird er sich schon ohne mich aussführen - da habe ich keine Sorge. Gute Besserung, lieber Roger Willemsen! 

Was ich ihm denn auf den Tisch stellen würde - hypothetisch - dazu dann morgen...

*Anmerkung m: Bei meinen Roger-Links handelt es sich um ausgewählte Filme. Immer gut, wenn man sich ein bewegtes Bild machen kann.
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