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Schnipp-Schnapp: Risotto mit Möhren, Radicchio und Maronen

Freitag, 11. Februar 2022

 

Yoga lehrt, dass zwar alle Menschen Bauch-Beine-Po uswusf. haben - aber eben sehr unterschiedliche. Eine meiner Yogalehrerinnen weißt gerne darauf hin, dass sie mit T-Rex-Armen ausgestattet ist - weshalb ihr manche Assanas leichter und andere schwerer fallen. Ich bin das gegenteilige Team, ich bin #Team Orang-Utan-Arme. Jetzt habe ich auch lange Beine, so dass ich meine Arme nicht hinter mir herschleifen muss (keine Sorge, ich komme damit zurecht). Doch manchmal würde ich schon gerne die Ärmel einer Jacke oder eines Pullis zurückkrempeln müssen - sieht doch gleich viel lässiger aus - eine Situation, in die ich nicht komme. Beispielsweise.

Und gerade beim Bäume-Schneiden bei sonnigen Vorfrühlingstemperaturen reichen mir meine langen Arme auch zum Vorteil. Gemeinsam mit einer Teleskop-Astschere - also einer Schere, die man stufenweise ausziehen und verlängern kann - ist meine Reichweite gar nicht schlecht. Schon kommt das *Aber*: wären da die Hebelkräfte nicht. Jetzt schreibe ich mich vermutlich schnell um Kopf und Kragen. Mein Physiklehrer, dessen letzte Klasse wir vor seiner Pensionierung waren, fand nach den vielen Jahren seines Unterrichtes zu dem Schluß, dass Mädchen Physik nicht verstehen. Sehr leider wurde mir die Glorie nicht zuteil, ihm vom Gegenteil überzeugen zu können. Ehrlich gesagt: mir kommt es vor, als hätte ich nie Physik gehabt.

Zum Thema Hebelkräfte dämmert mir etwas. Und die dürften nicht nur auf die *Spitze* meiner Astschere wirken, genauso ebenfalls auf die Breite meiner Arme, mit denen ich die Astschere schließe - sowohl in Bezug auf Hände wie auf Schultern, oder? (wer sich berufen fühlt zur Erhellung: salzkorn@email.de - ich lese mit Neugier!). Ein Eindruck, der sich direkt verstärkt, wenn ich die Astschere austausche durch die kleine Teleskop-Motorsäge (= schwerer). Bref: abends ziehen Bleigewichte an meinen Armen und sie schleifen doch am Boden. Definitiv kein Bedarf mehr an Chaturangas...

Und um noch kurz das Thema Baum-Schneiden zu streifen. Auch da gibt es zwei Lager. Das eine besagt, man müsse nach einem Rückschnitt einen Hut durch die Baumkrone werfen können (coucou Christiane). Das andere Lager - vertreten etwa durch Agrar-Rebell Sepp Holzer - postuliert die Meinung, so wenig wie möglich in die Natur einzugreifen. Ich neige ja langsam, dem Sepp Recht zu geben. Gerade nachdem ich nun vor unseren geschnittenem Bäumen stehe und die mir demonstrieren, dass ich keinerlei Ahnung habe. So ein Ast eskaliert an der Schnittstelle völlig und unzählige Ästchen schießen in alle Himmelsrichtungen. Das Wort *Wildwuchs* erhält eine völlig neue Bedeutung, wenn man vor so einem Strubbelpeter-Baum steht. Und ich könnte aus dem (jetzt definitiv notwendigem) Schnitt dann schier eine Doktor-Arbeit machen. Eine Wissenschaft für sich. Sollte ein erfahrener Gärtnermeister im Baumrückschnitt in Südfrankreich mal Urlaub machen wollen... er wird erwartet!



 

Die Eingebung für dieses Risotto, das kurz davor ist ein Eintopf sein zu sollen, flog mir hingegen einfach zu - und von dort quasi in den Mund. Ausschlaggebend war der Radicchio im Garten, der sich eifrig anbietet. Es geht doch nichts über guten Samen (coucou Maria): diese robuste, italienische Sorte verbreitete sich selbstständig und eigensinnig - selbst an völlig anspruchslosen Standorten.

Das Bittere des Radicchio wird sehr schön von Karotten und Maronen ausgeglichen. Letztere Kombi findet sich übrigens im Bloguniversum auch in dieser Quiche wieder.


Zutaten 2P:

150g Risotto-Reis (m: Halb-VK)
1 rote Zwiebel
2 Karotten (ca. 200g), in 1/2cm Würfel geschnitten*
1 Knoblauchzehe, fein gewürfelt
1 TL Kreuzkümmel
1 Zweig Rosmarin, fein gehackt
100g Kastanien (m: eigene oder gekocht, vakuumiert)
1 TL Mandelmus
75g Radicchio, in feine Streifen geschnitten
Salz, Pfeffer
Piment d'Espelette
1 Mandarine, Saft davon
2 TL Granatapfelsirup
Gemüsebrühe
Granatapfel-Kerne zur Deko
Olivenöl

 Zubereitung:

Die forte Zwiebel und den Knofi fein würfeln. Die Möhren schrubben und in kleine Würfel von ca 1/2cm schneiden.

Das Olivenöl in einem Topf erhitzen, die Zwiebel glasig dünsten. Dann Knofi und Kreuzkümmel sowie den Risotto-Reis kurz mitrösten. Rosmarin zufügen und Brühe anschütten, so dass der Reis gut 2cm damit bedeckt ist und bei schwacher Hitze und geschlossenem Deckel vor sich hinsimmern lassen - dabei  immer wieder umrühren, damit nichts anhängen kann. 

In d Mitte der Garzeit die gekochten Maronen unterziehen. Kurz vor Ende der Garzeit den in Streifen geschnittenen Raddicchio untermischen. Würzen mit Piment und dem Saft einer Mandarine. Salzen und peffern und mit dem Mandelmus cremig rühren (gegebenenfalls noch etwas Gemüsebrühe nachschütten).

Zum Anrichten auf dem Teller mit Granatapfelsirup beträufeln und mit Granatapfelkernen dekorieren.

Anmerkung m: die Karotten lassen sich prima auch durch Kürbis ersetzen - mein bevorzugter wäre wie eigentlich immer der Butternut/ Ich verwende Risotto-Reis demi-complet, der in der Garzeit etwas länger benötigt, aber auch keine ganze Stunde wie Vollkorn-Reis




Kürbis-Falafel oder Kugeln aus Kürbis und Kichererbsen

Sonntag, 31. Oktober 2021

 

Gibt dir das Leben *Kürbis*, dann mache eben nicht die immer gleiche Suppe daraus, sondern einfach mal kleine, orangene Kugeln. Wobei kein Protest meinerseits gegen Kürbissuppe - keine Suppe bereite ich öfters zu. Ihr wißt schon: mit Kokokscrème, frischem Ingwer, vielleicht einer Karotte, Lorbeerblatt, ähnlichen Gewürzen wie heute... Wie man halt eine gute Kürbissuppe macht!

Und nein, nicht nur weil ein einmal angeschnittener Kürbis für mehr als ein Rezepte reicht und dann verschafft werden muss. Alles fängt an mit der Wahl des richtigen Kürbis und da nehmen es die Fränzis sehr genau: Courge, Potiron, Potimarron, Hokkaido, Butternut... letzteren sprechen sie mit einem unwiderstehlich charmanten Akzent aus.  Bestimmt mit deshalb mein bevorzugter Kürbis, der Butternut. Und wegen seiner anderen Vorteile: er ist handlich von der Größe, ist so schön orange wie alle anderen Kürbisse, aber er schmeckt besonders gut und wird besonders cremig. Viele seiner Kollegen sind viel wässriger.

Da zu den besten kulinarischen Trios dieser Welt für mich Küribs-Mangold-Ziegenkäse zählt, habe ich diesen Kürbisfalafel das entsprechende Risotto-Bett gerichtet. Die Kürbis-Falafel passen aber selbstredend ebenfalls ganz prima in eine dieser Bowls, die es mir dieses Jahr so angetan haben. Definitiv ein Keeper, diese Kugeln, denn sie sind schnell und unkompliziert zubereitet und vielseitig zu anderen Gerichten einsetzbar.

Soll einer sagen, es fehele ihm an Ideen was machen mit Kürbis!

 

Geschwister im Blog-Universum: Kürbis-Risotto mit bulettes des légumes d'été

 



Kürbis-Falafel - ca. 18 Stück

250g Kürbismus
100g Kichererbsen, gegart
2 EL Kichererbsenmehl (ca. 25g)
1 EL Tahini
Salz, Pfeffer
Chili
1/2 TL Ras el hanout
1/4 TL Ingwer, gemahlen
1/4 TL Nelke, gemahlen
1/4 TL Zimt, gemahlen

Zubereitung:

Ofen auf 180°C (Umluft) vorheizen.

Kürbis (etwa 350-400g) - je nach Sorte - schälen oder nicht (Hokkaido), in nicht zu dicke Streifen schneiden und ca. 15min garen, etwas abkühlen lassen.

Ofen auf 200° (O/U-Hitze) umstellen.

Alle Zutaten außer dem Kichererbsenmehl vermengen und mit dem Blender mixen. Mit dem Kichererbsenmehl die Konsistenz steuern - je nach Sorte braucht es etwas mehr oder weniger, um die Mass gut zu binden. Schön würzig abschmecken. Mit freuchten Händen zu kleinen Bällchen formen auf geölte Ofenform/ oder Backpapier setzen. Etwa 15 bis 20min im heißen Ofen backen.

 

Vertrauensfrage: Frühlingsrisotto mit Knusperspargel

Freitag, 15. Mai 2020


Immer wenn zu sehr mit dem *Begriff* Vertrauen jongliert wird, werde ich hellhörig. Nichts, wirklich gar nichts auf dieser Welt ist derart exklusiv wie Vertrauen. *Trau schau wem* sagt der Volksmund. Haben wir nicht alle schon mal auf das falsche Pferd gesetzt?!

Oder wie formuliert es der grandiose Wilhelm Busch:
*Wer andern gar zu wenig traut,
hat Angst an allen Ecken;
wer gar zu viel auf andre baut,
erwacht mit Schrecken.
Es trennt sie nur ein leichter Zaun,
die beiden Sorgengründer;
zu wenig und zu viel Vertraun
sind Nachbarskinder.*

Es brodelt und kippelt momentan. In vielen Nationen trennt sich die Bevölkerung in zwei Lager: in das, welches ihrer Regierung vertraut und das, welches ihrer Führung misstraut. *Mangelndes Vertrauen ist nichts als das Ergebnis von Schwierigkeiten. Schwierigkeiten haben ihren Ursprung in mangelndem Vertrauen* sagt Seneca. Womit beide Parteien zu verstehen sind. Zumal man Hauptmedien nicht vorwerfen kann, Propaganda zu machen und Politikern nicht, die Masse bewegen zu wollen. So geht das Geschäft. Man kann aber durchaus dem Einzelnen vorwerfen, wenn er nicht kritisch Abstand hält und hinterfragt.

Ich habe keinen Hehl daraus gemacht, dass ich das Aussetzen von Grundrechten als heikles Unterfangen bewerte. Und das weniger aus der aktuellen Situation heraus wie historisch betrachtet: Grundrechte sind Abwehrrechte des Bürgers gegen den Staat!

Bestimmt schließe ich mich deshalb nicht Protesten gegen eine *Corona-Diktatur* an (ich halte solche Formen des Widerstandes schlicht für Energieverschwendung). Dass es sich bei diesen Versammlungen um lauter Extremos und Verschwörungstheoretiker handelt, kann ich jedoch nicht erkennen. Skepsis ist nicht ungerechtfertigt, es geht schließlich um das elementare Fundament (!), auf das unsere Gesellschaft gebaut wurde. Zumal selbst in politischen Reigen immer wieder Zweifel an der Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen laut werden - siehe etwa jüngst an der Analyse eines hohen Mitarbeiters des Innenministeriums.

Was mir aber in diesem Zusammenhang einfällt, ist das Buch *Die Welle*, welches wir (wenn ich es richtig im Gedächtnis habe) in der Schule gelesen haben. Die Mechanismen von autoritären Systemen werden wirklich toll (auch schon für Jugendliche) herausgestellt. Zentrales Motiv ist: *wir sind richtig, die anderen sind falsch* - anstellte der Akzeptanz von vielfältigen Haltungen zu einem Thema (à la *andere dürfen anders sein*) wie es für eine demokratisch pluralistische Gesellschaft selbstverständlich sein sollte:  sprich gelebte Meinungsfreiheit. Und das wiederum beobachte ich gerade in der öffentlichen Meinungsdebatte sehr: überall gegenseitiges Kopfschütteln - alles Idioten. Und wo Emotionen hochkochen, macht sich Sachlichkeit sowieso rar. Prima Gelegenheit zum xten Mal auf den zeitlosen Auftritt von Roger Willemsen zu verweisen: *Die Kunst des Streitens in der Mediengesellschaft*.

Außerdem finde ich, sind gerade wir als Deutsche ganz besonders verpflichtet unsere Obrigkeit streng zu beobachten und zu bewerten. Sonst hätten wir aus unserer Vergangenheit nichts gelernt.

Einer unserer ältesten Freunde (alt im Sinne seiner Lebensjahre - er ist 92) schickte uns vor kurzem Bilder der *Großen Depression*, an die er sich als Halb-Amerikaner-Halb Franzose noch gut erinnern kann - ein großes Ereignis mit ebenfalls weltweiten Auswirkungen. Er merkte dazu an, wie schnell die Dynamik derlei Geschehnisse von statten gehen können: ein Dominostein fällt und mit ihm alle anderen. Eines dieser Bilder beeindruckte mich nachhaltig: *Aus Angst, alles zu verlieren, fordern die Menschen von den Banken ihr letztes Guthaben zurück - wie hier 1931 vor dem Berliner Postscheckamt* - eine unüberschaubare Traube an Menschen, die die Zeichen der Zeit zu spät erkannt hatte. Das ist tragisch, oder? Aber ist es das nicht immer, wenn man enttäuscht wurde, wenn eine Täuschung auffliegt. Daher stellt sich mir die Frage: ist nicht jedes entgegengebrachte Vertrauen letztlich eine Glaubensangelegenheit?

Und weil dieser Freund mein Telefonjoker für Geschichte UND Kino ist, verlinkte er uns noch auf diesen charmanten Stummfilm *The Crazy Ray* - wenngleich von nicht umwerfender Bildqualität, so ähnle das durch *seltsame Strahlen* in einen Dornröschen-Schlaf versetzt Paris doch sehr dem Paris, das im confinement verharrt. Wie schön Paris ist! Was ein Cast der Eifelturm! Und wie ruhig und langsam früher Geschichten erzählt wurden... j'adore!


Bei uns werden bereits die Kirschen rot. Alle Spargelliebhaber kennen das Sprichwort: Kirsche rot - Spargel tot. Also stelle ich euch ein letztes Rezept mit Spargel für diesen Frühling vor. Pate stand mir der gleichnamigen Rezepte-Titel - aber umgesetzt habe ich es dann ganz anders. Die Kräuter für das Frühlingsrisotto könnt ihr eurem Geschmack anpassen - ich habe gerade eine ausgesprochene Estragonphase und es würzt mir daher dieses Risotto besonders köstlich!

Zutaten 2P:

500g Spargel (m: grün/ weiß)
1- 2 EL Estragon, feinst geschnitten
4-5 EL Semmelbrösel*
etwas Mehl
1 Ei
Salz, Pfeffer
Piment d'Espelette

1 kleine Zwiebel
2 Knoblauchzehen
170g Risotto-Reis (m: Halb-Vollkorn)
1 Lorbeer-Blatt
2 Blätter Liebstöckel
4-5 Blätter Melisse
2 TL Thymian
2 TL Estragon
Weißwein
(oder Noilly Prat)
Spargel-Fond*
3 EL Parmesan, frisch gerieben
1 EL Crème fraîche
Salz, Pfeffer
etwas Zitronensaft
Olivenöl

Zubereitung:

Spargel schälen, die Enden kappen und je nach Größe der Stangen dritteln. Das oberen zwei Drittel über Wasserdampf garen und zur Seite stellen. Das untere Ende in dünne Scheiben schneiden.

Die Zwiebel un den Knoblauch fein hacken und in Olivenöl andünsten. Den Reis zufügen und die klein geschnittenen Spargel-Enden und ebenfalls kurz mitbraten. Die fein gehackten Kräuter sowie das Lorbeer-Blatt zufügen und mit einem großzügigen Schuß Weißwein ( oder Noilly) ablöschen. Dann nach und  nach den Fond unter Rühren anschütten - so lange, bis das Risotto gar und schlonzig ist.

Parallel den Knusperspargel zubereiten. Dafür das mittlere Stück Spargel wie ein Schnitzel panieren. Ei verquirlen und mit Salz und Pfeffer würzen. Semmelbrösel mit dem fein gehackten Estragon mischen (m: auch 2 EL Parmesan dazugegeben). Außerdem ein Tellerchen mit Mehl richten. Die mittleren Stücke erst im Mehl wenden, dann durch das Ei ziehen und schließlich in den Semmelbrösel drehen. In einer Pfanne Olivenöl erhitzen und die panierten Stücke knusprig braten. Kurz vor Ende auch die Spitzen mit in der Pfanne warm ziehen lassen, diese dabei mit Salz, Pfeffer und einer Prise Zucker würzen.

Nun noch das Risotto final abschmecken. Lorbeerblatt entfernen. Salzen, pfeffern. Mit Zitronensaft abschmecken. Die Crème und den Parmesan unterziehen und nochmals darauf achten, dass die Konsistenz schön schlonzig ist. Zusammen mit dem Spargel servieren.

*Anmerkung m: die Semmelbrösel kann man sehr gut mischen mit Panko oder auch anteilig mit gemahlenen Nüssen oder mit geriebenem Parmesan
den Spargelfond koche ich mir stets aus Spargel-Schalen, einer Prise Zucker und etwas Apfelessig, hier zusätzlich angereichert mit Gemüsebrühe
Der Halb-Vollkorn-Reis braucht eine halbe Stunde um gar zu sein - daher habe ich die kleingeschnittenen Spargelenden erst nach der Hälfte der Garzeit zugefügt

der wilde Thymian färbt ganze Felder lila

Paris ist weit weg IV: Ofen-Chili-Gonzales-Risotto

Sonntag, 10. November 2019


Vom hiesigen gepflegten Durcheinander habe ich euch erzählt, von der Die-da-oben-Haltung berichtet und bereits 3 mal die Welt versucht zu beleuchten aus Sicht der französischen campagne. Heute wird es nochmals politischer in der *Paris ist weit weg*-Reihe.

Und zwar erließ - sagen wir es, wie es ist - ein waschechter grüner Bürgermeister in der Bretagne, Daniel Cueff, eigenmächtig den Erlaß, dass bei dem Ausbringen von Pestiziden ein Mindestabstand von 150 Metern zu Wohnhäusern einzuhalten ist. Ausschlaggend dafür war, dass einige besorgte Bürger eine Urinprobe durchführen ließen, die auffallend viel Glyphosat im Urin konstatierte. Die einzige Erklärung für dieses Ergebnis befand der Bürgermeisters darin, dass die Bürger seiner Gemeinde das Glyphosat über die Luft aufgenommen haben mußten.

Umgehend setzte die höhere Instanz dagegen: ein Richter urteilte, der Ortsvorsteher habe seine Kompetenzen überschritten und hob die Umsetzung des Erlasses vorläufig auf.

Doch der Fall schlägt große Wellen, immer mehr Bürgermeister trotzen dem französischen Staat und schließen sich dem bretonischen Widstand an. Die Bewegung ist mittlerweile auch in der Drôme angekommen, aka  in einer Nachbargemeinde, wo gleichfalls deren Gemeinde-Oberhaupt entschied: Sicherheit der Anwohner geht vor und eine erweiterte Pestizid-Schutzzone wird eingeführt - selbst wenn sich der Streit zunehmend zuspitzt.

Man könnte sich jetzt fragen, wie Daniel Cueff  überhaupt auf die Idee gekommen war, dass die Luft das Glyphosat in der Umgebund verteilt hat. Das liegt mit an seiner vorausgegangenen Politik, in der er seit 25 Jahren die Ortschaft auf Nachhaltigkeit trimmt, auf nachhaltige Entwicklung setzte, auf grünen Strom, auf Öko-Wohnbau, Bio-Essen in der Schulkantine, Verbot von Einsatz von Pestiziden auf kommunalem Grund... 

Tatsächlich brachten Untersuchungen in Südtirol - dem größten zusammenhängenden Obstanbaugebiet Europas - zutage, dass dort die Luft belastet ist durch verschiedene Pestizide: von 29 getesteten Pestiziden konnten 20 nachgewiesen werde. Ein Befund, der den Aussagen der EU-Lebensmittelbehörde EFSA widerspricht, wonach sich einige Pestizide gar nicht in der Luft verteilen dürften oder dort von alleine zersetzen sollten - was sie nun nachweislich nicht tun. Erschreckend finde ich, dass selbst mehrere Kilometer entfernt auf 1.600 Meter Höhe in einem Seitental immerhin noch sechs Wirkstoffe entdeckt werden konnten. Wie lächerlich in Anbetracht dessen sind dann 150 Meter Sicherheitsabstand?

Ein Problem in der Untersuchung von Pestiziden (nicht nur seitens der EFSA) scheint zu sein, dass die Pestizide immer nur einzeln betrachtet werden, aber nie in ihrer Wechselwirkung mit anderen Wirkstoffen - obwohl etwa in einer Apfelplantage bis zu 31mal Pestizide eingesetzt werden können. Es scheint wohl nicht von der Hand zu weisen, dass der Einsatz von Pestiziden und das Artensterben zusammenhängen, selbst wenn von öffentlicher Seite wiederholt die Sicherheit von Pflanzengiften suggeriert wird. 

Recherchiert man im Internet zu Gefahren von beispielsweise Glyphosat finden sich absolut gegensätzliche Urteile - wenngleich ich aus meiner Tendenz keinen Hell machen will, dass ich dem Eingriff mit Giften in die Natur prinzipiell skeptisch gegenüber stehe, einfach weil Langzeitfolgen für ein Öko-System kaum bis gar nicht abzuschätzen sind. Noch ist offen, ob die Klage gegen Bayers Unkrautvernichter Glyphosat auf einen Vergleich hinausläuft - ähnlich etwa wie im Fall der Opiadkrise in den USA.

Wer übrigens glaubt, dass die Luftbelastung von Pestiziden ein rein ländliches Problem darstellt, der irrt: größter Einzel-Abnehmer von Glyphosat in Deutschland ist die deutsche Bahn - ihr erinnert euch, Stichwort *Parkplatz*...

Lange Rede, worauf ich grundsätzlich hinauswill: ich bin großer Fan, wenn das aktuelle gute Beispiel Schule macht (erneut mit Sybille Berg) und anderen als Orientierungshilfe dient. Sei es die neuseeländische Premierministerin Jacinda Ardern - deren Verhalten während und nach der Attentat-Situation neue Maßstäbe setzte oder etwa Daniel Zimmermann, der seine Gemeinde u.a. in die Schuldenfreiheit führte (um nur ein weiteres Beispie von vielen aufzuführen).

Es ist für mich sehr faszinierend, dass ein einzelner Mensch, der fest zu seinen Werten steht, eine derart zwiespätige Rückkopplung auf seine Umgebung hat: für die einen wohltuend, für die anderen demaskierend.


Seit Sybille (die hier sogar mit einem Gast-Beitrag verewigt ist) auf ihrem Blog *Tomatenblüte*  von der Zubereitung von Risotto im Ofen schwärmte, wollte ich das mal ausprobieren. Aber es brauchte noch den Anstoß von Miriam und ihrem Vater von *Unser Meating*, um den Plan endlich in die Tat umzusetzen - das Rezept sprach mich nämlich direkt an. Klar, ein bißchen Rumfummeln konnte ich nicht lassen. Gut gefiel mir an dieser Machart, dass man die Flüssigkeit des Risotto zu Ende noch etwas justieren kann - damit seht und fällt schließlich jedes Risotto. Prädikat: sehr lecker. Wir haben die üppige Portion fast zu zweit geschafft...

Zutaten 2-3P:

350g Süßkartoffel
140g Rundkorn-Reis (m: Halb-VK)
100g Mais
100g Bohnen
100g Räuchertofu
1 rote Zwiebel
2 Knoblauchzehen
1 rote Paprika*
100ml Kokosmilch
3 EL Ofentomaten
400ml Gemüsebrühe
40g Tahini
1 Zweig Rosmarin, die Nadeln fein gehackt
1/2 TL Zitronen-Curry
1/4 TL Kreuzkümmel
1 Msp Pimenton dela vera
1 TL Ingwer, fein gehackt
Salz, Pfeffer

2 EL Petersilie, fein gehackt
Cashew-Nüsse, grob gehackt
1/2 Zitrone, Saft davon

Zubereitung:

Den Ofen auf 180°C vorheizen. 

In einer Gratinform (m: 22cm x 30cm)  die geschälte und gewürfelte Süßkartoffeln, den ebenfalls gewürfelten Tofu, die fein gehackte Zwiebel, sowie Reis, Kidneybohnen, Mais und die in Streifen geschnittene Paprika verteilen und vermischen und zur Seite stellen.

In einer Schüssel den feinst geschnittenen Ingwer und den fein gehackten Knoblauch mit Rosmarin, Brühe, Ofentomaten, Kokosmilch, Tahini den Gewürzen gut verrühren - abschmecken mit Salz und Pfeffer. 

Die Mischung über das Gemüse und den Reis in das Blech gießen, alles gut vermischen und anschließend wieder gleichmäßig ausbreiten, sodass Süßkartoffeln und Reis gut mit Flüssigkeit bedeckt sind. Mit Alufolie zudecken und 45min im Ofen backen.

Das Blech aus dem Ofen nehmen und die Folie entfernen. Die Ofentemperatur auf 220°C erhöhen und weitere 10min backen. Die Garzeit hängt von der verwendeten Reissorte ab. Mein Halb-Vollkorn braucht etwas länger als der weiße Reis und etwas kürzer als der vollem Vollkorn. Hier kann man auch mit der Flüssigkeit nachjustieren: gegebenenfalls noch etwas Brühe nachgießen. Das Gericht ist fertig, wenn der Reis gar ist und sich rundherum eine Kruste gebildet hat. 

Zum Servieren mit Petersilie und gehackten Nüssen bestreuen und mit Zitronensaft beträufeln.

*Anmerkung m: ich verwende stets unter dem Grill gehäutete Paprika, die ich so vorbereitet aus der Tiefkühle ziehen kann. Man kann ebenso wie Miriam prima Ernuss-Crème und gehackte Ernüsse verwenden - schmeckt genauso super. Dass ich auf andere Nüsse ausgewichen bin, hing einzig und allein an der Tagesform...

Inspiration: Miriam von Unsermeating 


Paris ist weit weg III: Butterrüben-Risotto mit Falafel-Tofu

Mittwoch, 23. Oktober 2019


An Fynn - das wißt ihr - gefiel mir so einiges gut. Eigentlich wäre er auch ein Wunsch-Kandidat für meine #zu Tisch mit...- Reihe gewesen. Aber der Fynn ist ja so umtriebig, der hat ja nie Zeit...

In diesem Podcast mit Fynn erklärt er wirklich prima, wie Politik auf dem Dorf von statten geht - das scheint sich im ländlichen Raum überall sehr zu gleichen. Und zwar kann man sich wundern, dass in dem einen Dorf nahezu alle rechts wählen und im anderen Dorf alle grün - obwohl sie nur zwei Kilometer auseinander liegen. Als würde sich polititsche Gesinnung nach Ortschaft aufteilen und beieinander siedeln. Aber, so meint Fynn, hinter diesem Phänomen verbirgt sich meist eine einzige Familie, ein großen Hof (aus mehr besteht ein Dorf ja nicht ;), mit dem man es dann parteiisch hält. So von Gartenzaun über Gartenzaun...

Klar, logo, tendenziös gezeichnet, natürlich findet sich auch dörfliche Diversität, trotzdem offenbart sich gerade im Kleinen, wieviel Politik mit Stimmungsmache gemein hat. Und dass dieses Emotionalisieren von Menschen in beide Richtungen funktioniert: sowohl für mehr Miteinander oder mehr Gegeneinander.

Meine nächste Geschichte zum Thema *Paris ist weit weg aka französisches Landleben* spiegelt genau das. Der Umgang mit Jurten (für alle, die kein Bild vor Augen haben: hier der Jurte-Link) bietet nämlich ein anschauliches Beispiel. Jurten (übrigens ähnlich wie roulottes - Planwägen ) erfreuen sich hier auf dem Land zunehmender Beliebtheit. Aus dem einfachen Grund, weil Wohnraum (egal ob zur Miete oder Eigentum) immer teurer wird, ja zunehmend unbezahlbar für einige.

Jurten sind weder ein fixes Haus noch ein klassisches Zelt - bref: quelque chose entre les deux, irgendetwas dazwischen. Somit quasi gleichzeitig eine Art juristischer Graubereich. Ben, machen wir uns nix vor, sowas gibt es im (über)reglementierten Europa schon lange nicht mehr. Jurten sind also grundeigentlich verboten.

In Deutschland werden bei Gesetztesverstoß umgehend Vollstrecker ausgesendet, die solche Zuwiderhandlung wieder begradigen. Aber in Frankreich kommt es halt darauf an... Wie ich ja bereits schrieb: rechts und links findet der Fränzi gerne noch ein Schlupfloch. Ganz nach dem altbekannten Spruch: *Wo kein Kläger da kein Richter.* In einem Dorf zwei Täler weiter siedeln mittlerweile drei Jurten. Sie werden von der ganzen Gemeinde inklusive Bürgermeister toleriert - man lässt sie (wieder einmal stillschweigend) einfach gewähren. Keiner fühlt sich gestört - warum auch? Und von was? Einer Jurte?!

Hingegen die Jurte in einer Nachbarortschaft stand nur ein dreiviertel Jahr. Ich gebe es unumwunden zu: ihr Verschwinden war mir ein Ärgernis. Der Jurten-Bewohner ist vraiment un brave type, ein junger, wilder Naturbursche, hilfsbereit und freundlich, aus einer alteingesessenen, französischen Familie von hier, Mitglied der Jäger und des Fußballvereins, der auf eigenem Grund und gut versteckt seine Jurte aufgestellt hatte. Ich (so als Zugewanderte) dachte eigentlich, dass er damit (also Herkunftskarte samt den Mitgliedsausweissen) auf dem Land soetwas wie Diplomaten-Status hätte - immun und gefeit vor allem nachbarschaftlichem Unbill. Doch das téléphone arabe (die Flüsterpost)  munkelt, dass er mit seiner Jurte den Argwohn ausgerechnet der reichsten Familie des Dorfes auf sich zog - von denen keiner auch nur eine Woche in einer Jurte leben wollen würde (und bei der mir stets Hauffs *kalte Herz* einfällt). 

So wurde von deren Anhängerschaft mit viel Prass argumentiert, dass wir schließlich alle unsere taxe d'habitation (Haussteuer) und taxe fontière (Grundsteuer) zu zahlen hätten, die Jurte vermutlich noch nicht einmal mit einer richtigen Sanitäranlagen ausgestattet wäre und zuguterletzt schlicht illegal steht, wo sie steht. Diese eine Familie im Dorf reichte als Aufhetzer aus. Womit wir wieder bei dem ungerechten, irdischen Ungleichgewicht angekommen wären. Ein Unkräutlein im Topf und der ganze Inhalt kippt. Die (meine) Moral von der Geschicht': Bösartigkeit wurde noch gar nie dank der Freundklichkeit anderer kuriert (leider!). Und Toleranz beziehungsweise Intoleranz ist Charaktersache...


Erneut stelle ich euch begleitend einen Fusionsküchen-Teller vor (holt man den Fusion-Begriff überhaupt noch vor oder ist der schon voll old-school? Egal). Die Navets (Butterrübchen) gehören seit ich in Südfrankreich bin zu dem gängigen Sortiment auf den Markttischen. Ich kannte sie von zuhause aus nicht - schätze aber ihren Geschmack sehr. Gut erinnere ich mich, wie sie mir zum ersten Mal von unserer Pariser Nachbarin serviert wurden: mit Geduld einfach in der Pfanne golden geröstet. Ich hätte die komplette Portion alleine verdrücken können. So ähnlich werden die Navets auch zum Großteil für dieses Risotto zubereitet.

Das i-Tüpfelchen macht der Falafel-Tofu, für den ich mir wie so oft Inspiration von Susanne mitgenommen habe. Was bin ich froh, dass es *Magentratzerl* gibt - für mich ein steter Quell an erfrischender und ungeheuer breitgefächerten kulinarischer Muse! Das ergab als Topping für dieses Risotto einer der besten Tofu-Bratwürfel, die ich je zubereitet habe. Voll Top :)

Ach, und alleine für das wunderherrliche Granatapfel-Sirup lohnt sich die Reise in den wunderschönen Iran!

Zutaten 2P:

140g Rundkorn-Reis (m: Halb-Vollkorn)
5 Navets (ca. 450g Butterrübchen)
1 Schalotte
1 Schuß Noilly Prat
Gemüsebrühe
1 EL Tahini (Sesampaste) 
2 EL Petersilie, fein gehackt*
Salz, Pfeffer
etwas Zitronensaft 
Sonnenblumenöl

100g Tofu
2 EL Sonnenblumenöl
1 Knoblauch, feinst gehackt
1/2 Kreuzkümmel
1/2 TL Koriander
1/2 TL Salz
1/4 TL Sumac
2 Msp Ras el Hanout
Chili

1 TL Reismehl
1 TL Speisestärke
1 EL Sesam
Sonnenblumenöl

Granatapfel-Sirup

Zubereitung:

Den Tofu zwischen Küchenkrepp setzen, beschweren und so die überschüssige Flüssigkeit herauszupressen (m: etwa 1 Stunde so stehen lassen). Den Tofu in 1cm Würfel schneiden. Eine Marinade aus Öl, Knoblauch, Koriander, Kreuzkümmel, Salz, Sumac, Chili und Ras el Hanout herstellen und die Tofu-Würfel darin marinieren (m: 2 Stunden - oder über Nacht).

Die Navets schälen. 2 Navets fein würfeln (ca. 0,5cm), Schalotte ebenfalls fein hacken. Schalotten- und Navetswürfel in dem Öl andünsten. Den Reis ebenfalls kurz mitbraten. Mit Noilly ablöschen. Dann Gemüsebrühe anschütten und unter Rühren stets soviel weitere Brühe zufügen wie sie das Risotto schluckt.

Parallel die restlichen Navets in dünne Scheiben schneiden und mit Geduld in etwas Öl Farbe annehmen lassen (dauert ca. 15-20min).

Gen Ende der Garzeit des Risottos die Tofu-Würfel in der Mischung aus Reismehl, Speisestärke und Sesam wenden. So lange in heißem Öl braten bis die Würfel außen knusprig sind.

Vor dem Servieren die seperat gebratenen Navets untermischen - zusammen mit der Tahini und der Petersilie. Abschmecken mit Salz und Pfeffer.

Zum Anrichten das Risotto in tiefe Teller geben, mit den knusprigen Tofu-Würfel toppen und mit Granatapfel-Sirup garnieren.

*Anmerkung m: die Tofu-Würfel stelle ich mir auch super zu dem Karotten-Pü vor!



Paris ist weit weg 1: Kürbis-Risotto mit bulettes de légumes d'été

Donnerstag, 19. September 2019


Als Auswanderer lässt sich nicht vermeiden, dass uns die kulturelle Andersartigkeit zwischen Frankreich und Deutschland immer wieder auffallen muss (#Europa und seine Vielfalt). Viele, viele Erlebnisse sammeln sich im Laufe der Zeit, die diese Unterschiede der Nachbarländer gut veranschaulichen. Ja, eigentlich könnte ich eine Serie daraus machen.... mal sehen.

Typisch für das ländliche Frankreich ist die Einstellung: *Paris ist weit weg*. Damit bringt man zum Ausdruck, dass vor Ort die Dinge stets anders aussehen - und man in französischer Freigeist-Manier darauf eben dementsprechend reagiert. Was ein KOLLOSALER Unterschied der zwei Länder darstellt - das bestätigen uns Deutsche wie Fränzis. In Deutschland ist ein Gesetz ein Gesetz, eine Verordnung eine Verordnung und Recht muss Recht bleiben. In Frankreich auf dem Land nimmt man davon vieles eher wie eine Art *Vorschlag*. 

Super Beispiel hierfür sind die Zebrastreifen. Deutsche Feriengäste beschwerten sich schon bei uns darüber, dass die Autos ja gar nicht zuverlässig anhalten würden für Fußgänger. Stimmt. Weil ein Zebrastreifen beidseitig eher wie ein *Angebot* wahrgenommen wird. Hält aber ein Auto - was quand même schnell passieren wird - und läßt einen Fußgänger die Strasse überqueren, dann erhält dieses dafür üblicherweise ein Lächeln und ein Winken. Ist ja schließlich keine Selbstverständlichkeit sondern ein Entgegenkommen und damit eine nette Geste. So entsteht durch das Anhalten zwischen Autofahrer und Fußgänger eine kleine, charmante Interaktion.

Bref, sämtliche hochobrigen Erlasse nimmt man hier lässig wie ein Handwerker: *Sitzt, passt, wackelt und hat Luft*. Rechts und links neben sämtlichen Gesetzen gibt es immernoch ein bißchen Platz und Spielraum. Man muss halt schauen. Dadurch entstehen viel Möglichkeiten für individuelle Entscheidungen auf kommunaler Ebene (und das meine ich, wie ich es schreibe!).

Als nächstes Beispiel führe ich unser Treibhaus auf. Wir hatten ein kleineres mit Plastikfolie, ersetzten dieses aber vor Jahren durch ein etwas größeres (und teureres!) aus Stegplatten. Auf ein Mal hieß es - zu unserer Überraschung -, wir bräuchten dafür einen Bau-Genehmigung. Das Ende vom Lied war gar, dass uns diese versagt wurde und stattdessen eine Abrissverfügung ins Haus flatterte. In der Nähe eines bâtiment historique (unsere kleine, romanische Dorfkirche) würden besonders strenge Bauauflagen gelten und unser Treibhaus wäre trop brillante (zu glizzernd) und damit zu auffällig.

Der Habib - lange genug in Frankreich und zudem von Natur une âme rebelle - begann in einer waghalsigen Aktionen (man berechne zu der Höhe der Stützmauer am Hang die Höhe des Treibhauses) gen Süd- und Talseite einen Zaun am Gewächshaus hochzuziehen und befestigte an ihm Camouflage-Netze. Gleichzeitig begannen wir von unten das Treibhaus zu begrünen mit der Idee, dass die Pflanzen irgendwann die Tarnung übernehmen anstelle von dem garstigen Militärbedarf (der jedem Pazifisten zuwider sein muss).

Um die Geschichte abzukürzen: die Tarnnetze sind mittlerweile verwittert und viele Pflanzen (von Glyzinie über Jasmin, eine Dashi-Birne, ein Granatapfel uswusf.) kaschieren und beschatten anmutig unser Treibhaus. Tja, und alles, was drei Jahre steht, hat in Frankreich automatisch Bestandsschutz. *Tsss, soweit kommt es noch*, meinte ein Nachbar, der selbst zwei Treibhäuser neben seinem Kuhstall stehen hat und sich unseres in der kritischen Phase anschaute, *wir reißen doch hier keine Treibhäuser ab.* Damit ist alles gesagt. Die Geschichte wurde stillschweigend und unabgesprochen von beiden Seiten einfach ausgesessen.

Und Kinners, machen wir uns nichts vor: in Deutschland ist eine Abrissverfügung eine Abrissverfügung. Da könnte ja sonst jeder kommen. Außerdem sind im Computer Ausnahmen nicht vorgesehen...


Beim Verzehr dieses Gerichtes dachte ich mal wieder selbstverliebt: *Ach, wie schön, dass ich für mich selbst koche!* Eines dieses Ausversehen-vegan-Gerichte, denen nichts fehlt, die aber alle Geschmacksknospen dazu bringen, aus voller Inbrunst: *Feiertag!* zu rufen! Bref: Superlecker! Gerade die Konsistenz der Bällchen finde ich schön ungewöhnlich und sie lassen sich vielseitig kombinieren: ob zu Pasta, fürs Buffet oder was euch sonst einfällt.

Die Inspiration zu den *bulettes de légumes d'été* fand ich übrigens auf diesem französischen Blog. Aber die Erfahrung lehrte mich, verlasse dich nie auf französische Rezepte - schon gar nicht, wenn sie wie offen zugegeben *au pif* (frei Schnauze) zubereitet wurden...

Zutaten - 2 P:

1 Schalotte
2 Knoblauchzehen
150g Risotto-Reis (m: Halb-Vollkorn)
300g Butternut
2 Lorbeerblätter
Weißwein
Gemüsebrühe
Salz, Pfeffer
1 Pr Zucker
(optional 2 EL Ofentomaten)
Piment d'Espelette
1/2 TL Ras el Hanout

250g Zucchini (m: gelb)
250g Aubergine
50g Paprika
1 EL Sellerie
1 EL Basilikum
Piment d'Espelette
Pimenton de la verra
Salz, Pfeffer
30g Reismehl
30g Semmelbrösel
2-3 EL Gemüsebrühe
 


Zubereitung:

Das Gemüse für die Bällchen klein würfeln - etwa 1/2-1cm und mit der Gemüsebrühe und geschlossenem Deckel weich garen. In ein Sieb schütten und mit Hilfe eines großen Löffels gut ausdrücken. Die frischen Kräuter klein schneiden und zusammen mit dem Gemüse pürieren. Die Gewürzen sowie die restlichen Zutaten untermischen. Auf feuchten Händen 18 etwa Tischtennisball große Bällchen formen und diese auf ein eingeöltes Backblech (oder eine Gratinform) setzen. Die Konsistenz darf und soll durchaus noch recht weich sein - im Ofen durch das Backen werden sie mehr Festigkeit erhalten.

Bei 180° (Umluft) ca. 25min backen.

Parallel das Risotto zubereiten. Dafür Zwiebel und Knoblauch fein hacken. Den Kürbis schälen und in Würfel von etwa 1/2 cm klein schneiden.

Schalotte und Knoblauch in Olivenöl andünsten, den Reis zufügen und ebenfalls kurz mitbraten. Dann Kürbis und Lorbeerblatt zufügen und den Wein anschütten. Kurz einreduzieren lassen. Die Gemüsebrühe nach und nach anschütten, dabei stets rühren. Aufpassen - was gerade gen Ende leichter passieren kann -  dass das Risotto nicht anhängt. Abschmecken und mittels Gemüsebrühe die richtige-schlonzige Risotto-Konsistenz herstellen.

Am Ende Lorbeerblätter entfernen und würzig abschmecken. Wer mag, gibt noch einen Stich Butter oder etwas Mandelmus dazu. Für mich war das Risotto aber bereits durch den zerfallenen Kürbis perfekt cremig. Zusammen mit dn mediterranen Bällchen servieren.

Bei uns gab es dazu einen Gurkensalat.


Pesto aus Löwenzähnen... im Risotto

Sonntag, 17. März 2019


Zu den schönsten Gartenlegenden zählt, dass ein zweigeteilter Regenwurm ein doppelter Regenwurm ist. Vermehrung durch Zwangsbeglückung quasi. Oder ein richtig verkappter Zuwachssegen. Schön wär's schon, oder? Dann könnte man hacken, was die Hacke hergibt. Leider ist dem nicht so. Im günstigsten Fall lebt das vordere Teil des Regenwurms weiter - dafür muss der Kopf und mindestens 40 Segmente (von bis zu 180) unversehrt geblieben sein.

An diese Geschichte denke ich jedes Frühjahr, wenn ich am Umgraben bin. Für alle Beteiligten wählte ich dafür gerne auch mal eine Grelinette. Nur Psychopathen, Sado-Masochisten und prinzipiell Gemütskranke empfinden Lust, wenn sie ihre besten Mitarbeiter (oder überhaupt andere) massakrieren. Manchmal erwische ich trotzdem einen Regenwurm und dann wünschte ich, dass die Legende wahr wäre...

Worüber ich ebenfalls beim Bereiten der Frühbeete stolperte, sind die unzähligen Steine, die ich spätestens beim Recheln rauslese. Es dürften in diesen Beeten ÜBERHAUPT keine Steine mehr zu finden sein. Wir kultivieren den Garten ja nun seit vielen Jahren. Wir sammeln bereits seit vielen Spatenstichen die Steine heraus. Es ist, als würden sie nachwachsen. Es ist wirklich ein Mysterium.

Nun wißt ihr grob alles, was mir so durch den Sinn geht, während der Gartenarbeit. Vielleicht fehlt noch, dass ich mir gerne dabei überlege, was ich uns später kochen könnte. Und da bietet sich der Löwenzahn an, auf den in Südfrankreich gerade unsere Nachbarn der älteren Generationen regelrecht abfahren. Von ihnen werde ich stets darauf hingeweisen, dass jetzt der Moment zum Schneiden ist (vor der Blüte)... Vielleicht Kindheitserinnerungen? Bon, zweifellos Wildkräuter at its best! Und ganz ehrlich: ich hätte mich in das Risotto reinsetzen können!

Weitere Rezepte mit Löwenzahn: dieser Salat mit Kartoffel-Vinaigrette oder der Löwenzahn-Blütenhonig


Zutaten - 2P:

1 Zwiebel
170g Rundkornreis (m: Halbvollkorn)
Noilly Prat
Gemüsebrühe
50g Ziegenfrischkäse
200g Brokkoli
2 EL Löwenzahn-Pesto
etwas Butter

Zubereitung:

Die Zwiebel fein würfeln und in der Butter weich dünsten. Risottoreis zufügen und so lange mitrösten, bis er glasig wird. Mit einem großzügigen Schuß Noilly Prat ablöschen und etwas einreduzieren lassen. Dann nach und nach mit einer schwachen Gemüsebrühe (Salz kommt später noch hinzu mit dem Pesto) auffüllen, rühren und dabei achten, dass der Reis nicht anhängt.

Währenddessen den Brokkoli in feine Würfel von 1/2 cm würfeln. Kurz vor Ende der Garzeit (die bei Halbvollkornreis deutlich länger braucht) - ca. 5 min vorher - den Brokkoli untermischen.

Vor dem Servieren den kleiner gehackten Ziegenkäse unterrühren zusammen mit dem Pesto - das Risotto sollte schön schlonzig sein. Dementsprechend eventuell noch etwas Gemüsebrühe zufügen. Nochmals abschmecken. Mit einigen zurückbehaltene Sonnenblumenkernen und etwas geriebenem Parmesan dekorieren.


Pesto
für ca. 6 EL Pesto:

70g Löwenzahn*
50g Sonnenblumen, geröstet*
40g Parmesan
2 Knoblauchzehen
Salz, Pfeffer
Sonnenblumenöl*
5 Stiele Petersilie*
15 Stiele Pimpinelle*

Zubereitung:

Sonnenblume rösten und zur Seite stellen. Knoblauch schälen, vom Trieb befreien und grob hacken. Parmesan ebenfalls grob zerkleinern. Löwenzahn waschen, gut trocken tupfen und in feine Streifen schneiden. Petersilie und Pimpinelle falls nötig auch - beide von den groben Stielen befreien. Alle Zutaten in einen Mixer geben und fein pürieren (am besten nach und nach).

Das Pesto in ein Glas umfüllen und die oberste Schicht mit Öl abdecken, um Oxidation zu vermeiden.

Anmerkung m: Der Löwenzahn welkt relativ schnell nach dem Abschneiden - er sollte dementsprechend bald danach verarbeitet werden.

Sonnenblumenöl läßt sich auch gut durch Olivenöl ersetzen - das Pesto ist schnell gemixt, die Wahrscheinlichkeit ist gering, dass das Olivenöl davon bitter wird. Ich gebe an meine Pestos meist nur soviel Öl hinzu wie nötig, um sie mixen zu können. Dabei entsteht dann eine Paste, die ebeno als Brotaufstrich oder Würzmittel dienen kann. Mit Öl zu einem klassischen Pesto läßt sich leichterdings immer strcken. 

Sonnenblumenkerne kann man nach belieben durch Pinienkerne ersetzen.

Die Zugabe von Pimpinelle und Petersilie ist optional.


Wahrheit oder Lüge: Graupenrisotto mit Paprika

Mittwoch, 4. Oktober 2017


Das größte Geschenk in meinem Leben ist das erlebte, gelebte Vertrauen. Seit über 10 Jahren! Wie kostbar und exklusiv doch Vertrauen ist. Wie zerbrechlich es ist und wie vorsichtig muß man sein, wem man es schenkt. Aber eines weiß ich dank meiner Erfahrung nun mit absoluter Gewissheit: ohne Ehrlichkeit gibt es kein Vertrauen.

Und damit meine ich nicht, dass ich meinem vertrauten Habib permanent unbeschönigt und uncharmant jeden meiner Gedanken an den Kopf knalle. Das schließt sich sogar aus: denn mit dem Vertrauen wächst im gleichen Maße der Respekt. Und ebenso der Wunsch, sich gegenseitig so viel Freiraum wie nur möglich zu gewähren. Nur manchmal braucht es in bestimmten Situationen dringend Gewißheit, damit sich kein Zweifelsfunke einnisten kann wie ein nagender Borkenkäfer. Genau dafür haben wir das *Indianerehrenwort* institutionalisiert. Wenn die Bitte nach dieser Rückversicherung gezückt wird, dann ist Hosenrunterlassen angesagt. Gar nicht mal oft von Nöten, doch mit dem Effekt der unmittelbaren Erleichterung. Dicke Empfehlung für alle, die von einer innigen Beziehung träumen.

Lügen und Täuschen sind weitverbreitete Phänomene in der sozialen Interaktion und Kommunikation - nahezu nicht wegzudenken. *Wer findig genug ist, eine Lüge glaubhaft darzustellen, mag lieber gleich die Wahrheit sagen* findet Oscar Wilde. Aber suchen wir überhaupt noch nach der Wahrheit? Faken ist das neue Schwarz. Passt immer. Geht immer. Jedenfalls im Internet. Echt?

Die Wissenschaft unterscheidet zwei Arten von Lügen: weiße Lügen von angeblich  harmlosen oder höflichen Charakter (à la "Gut siehst du aus!"), gegenüber den schwarze Lügen, die anderen schaden ("Ich war das nicht – sie war’s!"). So oder so gibt es eine ganze Batterie an guten Gründen, mit der wir sämtliche Lügen entschuldigen. Zwei Dinge jedoch scheinen nachweisbar: Das Gehirn gewöhnt sich an das Lügen, d.h. tüchtige Lügenbolde brauchen über *Wahrheitsalternativen* nicht lange nachzudenken. Zweitens lügt es sich als Psychopath leichter. Also Menschen, die es prinzipiell nicht so mit der Empathie und Emotionen im Allgemeinen haben, stolpern bedeutend weniger über eine moralische Hemmschwelle. Verwundert jetzt nicht. Eine Studie der Universität Notre Dame fand heraus, dass Lügen insofern der Gesundheit schadet, als dass bei der Wahrheit bleiben mit weniger Stress und Verspannung einher geht. Richtig gruselig wird es, wenn Menschen die Kunst des Täuschen auf künstliche Intelligenz übertragen wollen - gefördert aus militärischen Forschungstöpfen. Viel Spaß in der Zukunft!

Womit ich bei der schlichten Beobachtung lande: Krieg ist ohne Lüge nicht möglich. In der Wahrheit gibt es keine Täuschung.

Ganz und gar nicht vor klarer und nüchterner Betrachtung muß sich mein nun drittes Graupenrisotto verstecken. Dafür braucht es keinerlei Mogelei oder Schummelei. Nach den Graupen mit Tomaten und mit Zucchini und Saubohnen schließt sich nun eines mit Paprika an. So schlicht, einfach und ungekünstelt wie Gartenküche nur sein kann.


Zutaten 2P:

100 g Perlgraupen
Rapsöl

1 kleine Navet/ oder Sellerie
1 kleine Karotte
1 Schalotten, gewürfelt
2 Paprika (unter dem Grill gehäutet)
2 Knoblauchzehen, fein gehackt
1/2 Bund Thymian, die Blättchen davon
1 TL Paprika-Pulver
1Msp Pimentón de la vera
1 EL Tomatenmark
1 Lorbeerblatt
ein Schuß Rotwein
350ml Gemüsebrühe
Piment d'Espelette
Salz, Pfeffer

Schnittlauch-Röllchen

2 Spiegeleier

Zubereitung: 

Das Gemüse putzen und fein würfeln. Das Öl in einem Topf erhitzen, darin Schalotten, Navet/Sellerie, Karotte und Knoblauch anschwitzen.

Graupen, Thymian, Paprikapulver, Lorbeerblatt, Harissa, Tomatenmark und Pimenton kurz mitrösten. Die kleingeschnittene Paprika zufügen und unterrühren. Mit dem Schuß Rotwein ablöschen und einreduzieren lassen. Brühe und Lorbeerblatt zugeben, alles zum Kochen bringen und 45 Minuten bei kleiner Hitze köcheln lassen, dabei ab und zu umrühren. Eventuell noch etwas Gemüsebrühe zugießen - die Flüssigkeit sollte zum Großteil aufgenommen sein, aber die Graupen dürfen noch etwas Biss haben.

Das fertige Risotto noch einmal abschmecken, salzen, pfeffern und mit Piment und Balsamiceo-Reduktion würzen. Das Lorbeerblatt entfernen. Das Risotto warm stellen - parallel dazu zwei Spiegeleier braten. Zusammen servieren und mit Schnittlauch bestreuen.



Als Spoiler eines der schönsten Lieder über süße, klebrige, zuckrige Lügen: