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Montag, 14. Mai 2018

Individualität: Kräuter-Couscous mit grünem Spargel


Selten, dass ich mich für ein Buch entscheide auf Grund der kurzen Rezensionen der Klappenseiten. *Wahnsinnig und ergreifend wie Dostojewski oder Dickens. Besser geht's nicht* SÜDDEUTSCHE ZEITUNG. Oder *Philip Roth ist schlicht und einfach der größte Romancier, der heute in englischer Sprache schreibt* FAZ. Zwei herausgegriffene Mini-Lobeshymnen. Nun, ich kannte Philip Roth nicht und dementsprechend das Buch *Der menschliche Makel* ebenso wenig. In einem Bücherregal in einem finnisch-thailändisch betriebenen Resto in Thailand mit überwiegend finnischen Büchern fischte ich mir dieses heraus. BÄM - was ein Buch! Fette Beute. Aber sowas von!

Zu Beginn jedoch war ich kurz vor Aufgabe (ihr erinnert euch an meine neue Striktheit), denn mein Eindruck der ersten Seiten war, dass mir diese Geschichte zu amerikanisch sowie zu vulgär wird. Nach Überwindung des Anfangs inhalierte ich. Ein Minus bleibt (das einzige Minus), dass die geschilderte Sexualität überhaupt nichts mit meiner Erlebniswelt zu tun hat - aber darüber konnte ich gut hinweg lesen. 

Was ein kluges Buch! Klug im Sinne von durchdacht. Klug im Sinne von gebildet. Selten - eine weitere Außergewöhnlichkeit - dass ich nach Abschluß des Buches derart viele Fragezeichen an die Seitenränder gemalt hatte. Bei griechischen Dramen tun sich bei mir bedauerlicherweise (!) schwarze Löcher auf. Doch wie wundervoll bohème lässt sich damit anspielen und kunstvoll Bögen schlagen. Ich war mächtig beeindruckt. Wie überhaupt von dieser von Philip Roth entworfenen Biographie, die zu keiner Zeit künstlich wirkt, oder eben erfunden, weil zu sehr *ausgeklügelt*. 

Philip Roth spielt die Idee durch, wie radikal man Selbstverwirklichung treiben kann und beschäftigt sich somit mit einem meiner liebsten Themen, das der Individualität. Sein Hauptprotagonist ist Coleman, *der größte der großen Pioniere des Ichs.* In erfrischender Lebendigkeit der Sprache plus einigen Nebenschauplätzen zur amerikanischen Zeitgeschichte wie Rassentrennung oder Kriegsveteranen geht es um das ganz große Thema der Menschwerdung.  Zu tiefst faszinierend wirft Philip Roth einen kunterbunten Regenbogen an Fragen auf:

Wie geht freie Lebensführung? Wie sehr hindert Zeitgeist oder Gesellschaft? Wie sehr lassen wir uns davon einengen? Haben wir überhaupt eine Vision für unser Leben? Wie sehr wird unser Leben bestimmt durch Prägung im Elternhaus, Bildung, Konventionen, Neigungen, Erfolg, Talent? Wie gehen wir mit Hindernissen um? Wie sehr wollen wir Teil der Gesellschaft samt deren Gesetze sein? Schöpfen wir unser Potenial aus? Geht es darum? Welchen Preis sind wir bereit zu zahlen für unsere eigene Vorstellung von Leben und Freiheit? Anständigkeit, Schicklichkeit, Ehrlichkeit, Sittlichkeit - sind das Richtlinien? Wer legt fest, was das ist? Wie gut kennen wir uns selbst? Wie gehen wir mit Begierde/ Sexualität um? Gibt es Schicksal? Etwas, das uns zum Spielball macht, selbst wenn wir uns für den Spielführer halten? Kann man der Gesellschaft, dem Diktat von *wir*, überhaupt entrinnen? Welche Kraft braucht es dazu?

Und für mich die große Stärke dieses Buches, die unterschwellig wiederkehrende Frage: Stolpert man nicht so oder so immer wieder über sich selbst?

Auch erinnerte ich mit an einen Goethe-Satz aus *Die Wahlverwandtschaften*: *Man nimmt in der Welt jeden wofür er sich gibt; aber er hat sich auch für etwas zu geben.*

Ich könnte noch fort- und fortfahren mit meiner Begeisterung. Also kürze ich ab mit einem laut ausgerufenem LESEN! und einem Textauszug, um euch ein Beispiel zu geben für Roths Sprache: *Ihr Haar war spektkulär, ein labyrinthischer, wuchender Kranz aus Locken und Spiralen, so wirr wie ein Fadenknäuel und ausladend genug, um daraus eine Weihnachtsdekoration zu basteln. Alle Unruhe ihrer Kindheit schien sich in den Windungen dieses undurchdringlichen Haardickichts niedergeschlagen zu haben. Ihr unbezähmbares Haar. Man hätte Töpfe damit putzen können, ohne dadurch seine Beschaffenheit zu verändern - als wäre es etwas aus den tintendunklen Tiefen des Meers, eine Art drahtiger, riffbildender Organismus, eine lebendige, üppig sprießende, onyxfarbene Hybride aus Staude und Koralle mit möglicher pharmazeutischen Eigenschaften.*

Unangezweifeltes Fazit für mich: MEHR Philip Roth.

Gegessen wird dazu ein frisches Mai-Couscous mit grünem Spargel. Das Pesto - dieses Mal wieder nur fein gehackt - hatte ich einst als royal bezeichnet und ich bleibe dabei. Mir dünkte, als ob ich eine zu große Menge gekocht hätte, allein: es wurden keine Reste gelassen.
 

Zutaten 2P:

130g Couscous, grob
130ml Wasser
Salz

500g grüner Spargel
1 Pr Zucker
1 Bund Koriander
einige Stiele Minze
einige Stiele Basilikum (m: vietnamesisch)
1 Avocado
2-3 TL Tahini (Sesampaste)
Limettensaft
Salz, Pfeffer
2 EL geröstete Pinienkerne
Olivenöl

Zubereitung:

Die frischen Kräuter sehr fein hacken. Pinienkerne ohne Fett in einer Pfanne rösten und zur Seite stellen.

Das untere Drittel des grünen Spargels putzen und die Enden abschneiden. In mundgerechte Stücke schneiden. 

Den Spargel in etwas Olivenöl anrösten und den Zucker darüber karamellisieren lassen. Salzen, pfeffern, 2-3 EL Wasser zufügen, Deckel auflegen und bissfest garen (dauert etwa 7min).

Couscous in die gleiche Menge kochendes und gesalzenes Wasser geben, Deckel auflegen und ca. 5min quellen lassen. Parallel dazu die Tahini-Sauce anrühen - dafür die Sesampaste mit Zitronensaft, etwas Wasser, Salz und Pfeffer anrühren. Die Sauce zusammen mit dem Kräutern unter das Couscous heben, ebenso den fertig gegarten Spargel und die Pinienkerne. Zuletzt die klein geschnittene Avocado untermengen und direkt servieren.


schon wieder verblüht: der wunderbar duftende Goldlack

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