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Freitag, 27. Juni 2014

Leben mit der Mimikry oder Wildorchideen im Mai und Juni

Die Umgebung färbt auf einen ab - ob man will oder nicht. Seit ich auf dem Land lebe, kann ich eine Wildtaube und einen Falken im Flug auseinander halten, erkenne die Nachtigall bereits mit halbem Ohr an ihrem Gesang und mein Fundus an mir bekannten Wildblumen ist sprunghaft gestiegen. Hätte man mir vor ein paar Jahren gesagt, dass ich einen Faibel für Wildorchideen entwickle, wäre das wohl ein Schenkelklopfer geworden. Aber hier in der Drôme stehen die Wiesen im Mai und Juni so üppig und artenreich voll von dieser Blume, dass man sprichwörtlich nicht um sie herum kommt. Ja, das Umfeld verändert...

Durch die Wildorchideen des Frühling und die damit einhergehende Beschäftigung entfachte sich ein erquickendes Gespräch, in dem der Habib unser Augenmerk auf das Prinzip der Mimikry lenkte, derer sich diese Blume bedient: das Phänomen, etwas anzutäuschen und vorzugeben, was nicht ist (für den, der sich für die Tricks und Machenschaften der Wildorchidee näher interessiert bitte  hier entlang).

Ganz nach Goethe *Dem Einzelnen bleibe die Freiheit, sich mit dem zu beschäftigen, was ihn anzieht, was im Freude macht, was ihm nützlich deucht; aber das wahre Studuim der Menschheit ist der Mensch* (Wahlverwandtschaften) landeten wir schnell im menschlichen, strategieschen Alltagsgeschäft.

Was bereits in Pflanzen- und Tierwelt eine eigenartige Anwandlung ist, das ist aufs Menschenreich übertragen mindestens doppelt so spannend wie merkwürdig. Wie wenig macht man sich Gedanken über das Fassadenspiel und die Täuschungsmanöver seines menschlichen Gegenübers. Hilfreich wäre, wie im Mittelalter noch üblich, das Gegenteil stets mitzubedenken, stets in Gegensatzpaaren zu denken, die beide Seiten einer Medaille als Einheit erkannten (à la Jung-Alt/ Heiss-Kalt/ Gross-Klein uswusf...)

Mit einer solchen Art des Denkens und Wahrnehmen wäre *Mimikry* weit weniger erfolgreich, wären Täuschungsmanöver deutlich schwieriger. Ja, man würde sich gegenseitig in der Entwicklung unterstützen, ein aufrichtiger und wahrhaftiger Mensch zu werden. Und phänomenaler Weise hilft das Integrieren des Gegenteils der Erweiterung des eigenen Standpunktes, des eigenen Weltbildes, des eigenen Konzeptes. Man wächst. Geistig gesehen. Gelingt einem das, überwindet man auf diese Weise die Mimikry und gelangt dann zu dem Wunder der Metamorphose.
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