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Mittwoch, 28. Februar 2018

Allerlei Meer-rau


In Blütejungenjahren als meine Romantik gefüttert wurde von den Bildern einer unschuldigen, unerfahrenen Phantasie, bildete ich mir ein, am Meer wohnen zu wollen. Eigentlich genau in diesem Haus

Und wieder einmal denke ich: Hat sich je eine Vorstellug mit der Wirklichkeit gedeckt?

Denn ich hatte Erwartungen, ja eigentlich konkrete Pläne für die Zeit am Sandstrand. Und dann passierte erstens alles anders und zweitens als gedacht. Nun lebe ich fast 1 1/2 Monate an einer Küste, an die der Wind aus großer Entfernung über das endlos weite Meer geflogen kommt und mit Schwung am Festland auftrifft. Es ist ein tosendes, aufgebrachtes Meer, das der Wind kräuselt und zum Schäumen bringt. Wellen und Wogen und dazu ein brausender Wind. Ein doppeltes, ein ununterbrochenes Rauschen. Der Meereswind pfeift mir um die Nase, nimmt alles mit wie lose Blätter. Er fegt hinweg, was nicht schwer genug, was nicht angebunden oder verankert ist. Kein tiefes Nachdenken ist mir möglich, kein Gedanke läßt sich richtig fassen. Es stürmt und braust um mich. Haltlos. Und mein Kopf fühlt sich an wie ein kapputes Radio, bei dem nicht ein einziger Sender klar einzustellen ist. Alles rauscht. Wind und Meergetöse. Dazwischen schiebt sich - wie als Funkstörung - immer wieder ein hirnloser Popsong als Ohrwurm. Ich bin der schmalste Dünnbrettbohrer, die föhnendste aller Flachpfeifen.



Manchmal streift der Wind über die Nerven wie ein Saiteninstrument, schon zauselt er das Fell gegen und mit dem Strich - das ist dem Wind egal. Alles, was nach außen zeigt, kämmt der Wind. Kein Entkommen. Pausenloses Abklopfen der Oberfläche, alles rau, alles wie sandgestrahlt.

In dem Salzwind verblassen die Farben, meine Farben. Alles fließt wie in einem Aquarellbild ineinander. Die Stunden, die Tage, die Wochen, vielleicht auch Monate und Jahre. Die Gezeiten schlagen mit den Wellen den Rhythmus an die Küste, doch ohne mir in Fleisch und Blut zu übergehen. Zwischendurch kitzelt der Mond das Meer heraus, versetzt es in größere Erregung und die Flut frißt an den Sandbänken, die Wellen türmen sich höher, der Wind reißt an allem und über alles hinweg. Um sich davon weniger beeindrucken zu lassen, braucht es wohl die verschlossenen, wettergegerbten Gesichter wortkarger, alter Fischer mit einer Haut wie eine zerfurchte Baumborke. Tand Tand, das Gebilde von Menschenhand gegenüber dieser Naturgewalt. Kokolores. Menschlicher Mumpitz. Alles schrumpft auf Erbsengröße angesichts dieser Größe, ich auch, angesichts dieser Bühne.




Mir dämmert, wieso viele Sanatorien in Küstenorte verlagert sind. Abends falle ich in einen tiefen, bleiernen Schlaf, traumlos und lang schlafe ich, und wenn ich mich morgens an kleine Traumfetzen erinnere, dann sind sie belanglos und völlig unbedeutend. Jeden Tag Meer und Wind, jeden Tag ungestümes Brausen. Und gibt der Wind kurz Ruhe, fällt das Meer zusammen wie ein Soufflé. Ein stiller, glatter Ozean, der darauf wartet, dass das Gebläse wieder anspringt.



Seit Jahrzehnten (zum ersten Mal überhaupt?) empfinde ich Langeweile in mir. ich, die immer sagte, nur Langeweiler kennen Langeweile. Ich fühle mich wie ein komplett leer geräumtes Zimmer. Keine Inventur, nein, Großreinemachen. Alles wie leer gefegt. Tabula rasa. Wie sagt Goethe, der ja zu allem etwas vernünftiges beizutragen hat: *Langeweile ist ein böses Kraut, doch auch eine Würze, die viel verdaut.* Und ich wundere mich, dass mir das Leben diese Medizin zukommen läßt. Warum? Noch kann ich nicht erkennen, wofür das gut sein soll, aber ich bin inzwischen alt genug, um zu wissen, dass manche Erkenntnis, manche Erfahrung, manche Gabe des Lebens, manche Botschaft in einem reifen muss, um sie verstehen zu können. Die Dinge so nehmen, wie sie kommen - ich übe noch...




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