Donnerstag, 1. Dezember 2016

Zu Tisch mit #6 - B-C H


Was eine Internet-Entdeckung - ich bin ein bißchen verknallt (wie vermutlich sämtliche seiner Studentinnen)! Wieso ich ihn mir direkt an meinen virtuellen Tisch lade. Einfach, um mir etwas mehr Gedanken um ihn spinnen zu dürfen, bzw. seine Anregungen in mir zu drehen und zu wenden.

Jedes Mal, wenn wir nach einer Winterreise zurückkehrten in die industriallisierte Welt, war der größte Kulturschock die abgespannten, abgekämpfen Gesichter so vieler Menschen: der graue Teint, die Mattigkeit ihrer Mimik, diese übersättigte Ausstrahlung gepaart mit Langeweile, bereits in jungen Gesichtern diese seltsame Lebensmüdigkeit. Warum nur? Hier leben wir doch materiell sorgloser als fast überall auf der Welt, in dem angeblich besten, politischen Rahmen, den man sich wünschen kann, einer Demokratie inklusive *echter Freiheit* der Meinung, der Religion, der Presse...

Mein Rätseln um den schlechten Zustand vieler Menschen in kapitalistischen Systemen beantwortet mir Byung-Chul Han in umwerfend schlichter Klarheit. Und dann ist er ja auch noch so hübsch und strahlt diese Ruhe und innere Mitte aus. Alles was mir das Internet über ihn anbot, habe ich die letzten Tage verschlungen: dieses Filmchen als kleinen Einstieg für euch. Einen besseren Einblick bietet dieses Interwiew, deutlich tiefer greift sein Essay *Wie der Kapitalismus uns zu Selbstausbeutern macht*.

Han nimmt Krankheiten wie Burn out und Depression als pathologisches Zeichen für die Krise der Freiheit. Sofort leuchtet mir seine These ein, dass wir uns lediglich in Freiheit wähnen, die Freiheit aber längst in Zwang umgeschlagen ist (Gesichter von frei entfalteten Menschen würden eindeutig anders aussehen). *Man beutet sich freiwillig aus in der Illusion, dass man sich verwirklicht. Nicht die Unterdrückung der Freiheit, sondern deren Ausbeutung maximiert die Produktivität und Effizienz. Das ist die perfide Grundlogik des Neoliberalismus.*

Der Mensch ist nur als kommunzierendes Wesen zu verstehen - zum digitalen Zeitgeist gehört die Kommerzialisierung von Kommunikation: Facebook, Google und Konsorten verpachten uns wie Lehnherren Felder, die wir freiwillig und enthusiastisch bearbeiten, und danach holen die Lehnsherren die Ernte ein. Unvorstellbar noch die kämpferische Haltung in den 80ern gegen die Volkszählung. *Die Angst davor, seine Privat-und Intimsphäre aufgeben zu müssen, ist dem Bedürfnis gewichen, sich schamlos zur Schau zu stellen*, einer schon *pornographischen Zuschaustellung* (daher auch meine Kritik zu *intimitätskleinlich*).

Ursprünglich, erklärt Han, bedeutet Freiheit *bei Freunden sein*. Faszinierenderweise hatten *Freiheit* und *Freund* im indogermanischen sogar die selbe Wurzel. Freiheit als Beziehungswort: *Frei sein heißt nichts anderes, als sich miteinander zu realisieren * sagt Han (ein Lieblingssatz!). Frei von jedem Zweck - das ist beziehungsfähig. Oder nur in einem Umfeld der guten Gesinnung kann ich werden.

Aktuelle Geschenkideen für unter den Weihnachtsbaum (auch wenn der Habib und ich da nicht mitmischen) wären logischerweise eines der Bücher von Byung-Chul Han oder auch der Dokufilm über/mit ihm.

Nun, wenn ich ihn an meinem Tisch sitzen hätte, dann würde ich mir vorsingen lassen (einen Klavierspieler treibe ich schon auf) - denn Singen gehört nach eigener Aussage zu einer seiner Freizeitgestaltungen. Und ich hätte einige sehr private Fragen zu stellen, so richtig intim - ihr wißt schon. Vor dem Kochen würde mir allerdings ein bißchen grauen. Die koreanische Küche ist für mich sowohl die hingebungsvollste wie raffinierteste Küche der Welt. Als Han nach Deutschland kam, ernährte er sich monatelang von Brot mit Marmelade - was anderes bekam er nicht runter... Bon, mittlerweile lebt er 30 Jahre in Deutschland - ich entscheide mich also.. zögerzöger... hierfür  (im Ernstfall würde ich mich vorher mit Mme Boulette beratschlagen ;).


Kommentare:

  1. Danke für das Bekanntmachen mit Byung-Chul Han! Vielleicht bin ich jetzt auch ein bisschen verknallt :)

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  2. Deine Rezepte schätze ich sehr - die gewichtigen Beiträge wie eben der obige sind unendlich wertvoll, anregend, gut! Dankbare Grüsse aus der Schweiz. Lisa

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    1. Feedback nach meinen Träumen - ich freue mich, wenn die Gedanken dieses schönen Mannes auch für dich anregend sind!

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  3. danke für das gespräch! interessan! du hast zwei links identisch gesetzt. das mindert meine bildungsreise ;o) vielleicht ist es ansteckend. nun möchte ich auch mehr erfahren ...

    liebe grüße . tabea

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    1. Danke für den Hinweis, Tabea - ich habe direkt ediert. Gerade sein Essay geht deutlich mehr in die Tiefe - und dann wirds immer spannender, ihm zu folgen!

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  4. Wer weiß wo der Arme aus Korea aufgeschlagen ist.. bei dir hätte er sicher sofort zugelangt! Meine Verknalltzone ist aber derzeit schon besetzt von Lars Eidinger *schmacht*! (der Film "Familientreffen" ist der Hammer).

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  5. Nachdem ich mich in den letzten Jahren durch drei Precht-Schinken gekaut habe, die irgendwie kein Ende nehmen wollten, war ich etwas philosophenmüde. Seit einiger zeit kehrt mein Interesse an Menschen zurück, die etwas Kluges zu sagen haben. Das könnte damit zusammenhängen, dass momentan so viele Menschen so unglaublich Dummes von sich geben, dass die Sehnsucht nach dem Gegenteil wieder wächst. Sehr.
    Danke also für die Vorstellung, ich werde mich auch mal ein bisschen kreuzundquerlesen, um meinen Speicher für Menschlichkeit und Hirn wieder aufzufüllen.
    Ich bin mir sicher, er wäre gern bei dir zu Gast.

    Herzlich, Katja

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