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Samstag, 27. Januar 2018

Unbewusste Feuerwehrleiter innerhalb der Familie


Unermesslich eigentlich die Unterschiedlichkeit der Menschen. *Wir stehen doch alle vor einem dichten Lattenzaun und jeder schaut nur aus seinem kleinen Guckloch nach draußen* sagte eine Freundin zu mir, während sie mit Daumen und Zeigefinger der rechten Hand einen kleinen Kreis formte, vor das rechte Auge schob und dabei das linke zukniff. So viele subjetive Wahrnehmungen.

Die Homöopathie versucht diese unterschiedlichen Blickwinkel mit den zu ihnen gehörenden Motiven durch sog. *konstitutionelle Mittel* auszuloten - ein kniffeliges Unterfangen. Zudem gibt es weitere Mechanismen, nach denen in der Anamnese gestochert wird. Ahnenforschung, bzw. die Suche nach dem *Familienkarma*: wie war es bei der Großmutter, dem Vater, der Tante... Doch es ist schwer, dabei Licht ins Dunkel zu bringen. Die Abende vor dem Kamin innerhalb der Familie, die illustren Momente nach einem guten Essen, in denen über dunkle Stunden der Vergangenheit gesprochen werden, kommt selten bis nie zustande. Zu sehr hängen wir alle an unserer Fassade. Ach, und überhaupt: das empfindliche Thema *Herkunft*. Es wird beharrlich geschwiegen.

Wundersames können dabei Familienaufstellungen zu Tage förden - wie bei allem abhängig von der Person, die sie leitet. Manchmal reichen dafür bereits eine handvoll Playmobil Figuren. Alleine wie jemand die kleinen Männchen in Position bringt, sagt viel über die Beziehungen untereinander.

Dank meinem letzten Mädelsurlaub, den Gepräche mit ihnen und bedingt durch deren Berufe eröffnete sich mir, dass aus verschiedenen Bereichen gerade das gleiche Phänomen beobachet wird - jeweils mit den gleichen Konsequenzen auf menschliches Verhalten. Es wird nur je nach Sparte anders benannt - ganz typisch für wissenschaftliches Arbeiten, deren höchste Kunst wiederum darin besteht, Forschungsergebnisse über den Rand ihres Spezialgebietes hinaus zuführen, hin zu größeren Zusammenhängen. Es ist mir völlig bewußt, dass bei Stichwörtern wie *Homöopathie* viele abfällig die Nase rümpfen. Vielleicht hilft genau jenen ein neuer Name, um Phänomenologie unvoreingenommener zu betreiben.
 

Das, was ich seither nur als *Familienkarma* kannte, bezeichnet  Psychologie wie Soziologie als *transgenerationale Weitergabe von Traumata* - die unbewußte Weitergabe von bestimmten Verhaltens- und Beziehungsmuster, die sich in Familien wie ein roter Faden von den Urgroßeltern, Großeltern, Eltern bis zu den Kindern durchziehen. Meint also genau das Gleiche und ist dabei nicht minder fasinzierend - ein sehr empfehlenswerter Artikel hierzu beim Deutschlandfunk: Bis ins vierte Glied - Traumata prägen auch die Kinder.

Ähnliches erforscht gleichzeitig die Medizin in der sog. *Epigenetik*: Lebensumstände und Lebensstil geben den Ausschlag, ob bestimmte Gene zu einem bestimmten Zeitpunkt aktiviert oder deaktiviert werden: s.traumatische Erlebnisse prägen das Erbgut oder hier: Wirkt die Umwelt auf unsere Gene

Unabhängig voneinander waren wir uns einig, dass die zwei Kriege im vergangenen Jahrhundert mehr Spuren in unserer Gesellschaft und dem Miteinander hinterlassen hat, als seither nur ansatzweise ein öffentlicher Diskurs wert war.

Dörthe Hansens Buch dient mir hierfür wunderbar zur Veranschaulichung. (Übrigens ebenfalls sensationell, wie sie es schafft, eine zutiefst traurige Geschichte lustig zu erzähen.) Der Haupthandlungsstrang in ihrem Roman dreht sich exakt um das Thema *weitergetragene Familiengeschichten*. Das Motiv in *Altes Land* nennt Dörthe (erneut sensationell) poetisch *Frostschutz durch Vereisung*. Vermutlich um irgendwie die traumatischen Kriegserlebnisse zu verabeiten, verschanzt sich eine Frau in sich selbst, strahlt Kälte aus und erträgt keine Nähe. Was sie weitergibt an ihre Tochter und deren Tochter. Mit dem dazu gehörigen Unglück.

*Vera hatte keine Ahnung, ob Hildegard von Kamcke schon immer Eis getragen hatte, wie andere Frauen Fuchspelz oder Nerz, geerbt von ihren Müttern. Ob dieser Mantel auch ein Erbstück war, oder ob sie ihn erst trug, seit man sie durch den Schnee getrieben hatte mit ihren Kindern.* 


Schwebend wie ein Planktonteil von der Strömung mitgerissen (auch ein Dörthe-Bild), gerät man in Abläufe, zu denen man bewußt - oder willentlich  -nicht viel beigetragen hat. Oder man glaubt, seine eigene Melodie zu singen, ohne zu merken, dass sich in das Stück wieder und wieder das gleiche Thema einschiebt - wie schon bei den Eltern. *Das also ist der Fluch der bösen Tat, dass sie fortwährend immer Böses muss gebären.* So habe ich das  - leider - auch erlebt. Die Halbschwester meines Vaters wurde einst ebenso aus der Familie verstoßen wie ich. Und ich wiederum habe als junges Mädchen abgetrieben, wie auch ein weiteres Familienmitglied (um nur ein Detail aus einem Konglomerat zu nennen). Warum setzten sich solche Geschichten fort? Und die noch brennendere Frage lautet: wie kann Heilung aussehen?

Wie in *Altes Land* geschildert gehen diese Prozesse mit Schmerzen einher. Aber ohne dieses Leid würde man weiterhin meiden, sich zu stellen oder nach Ursachen zu forschen. Alle  Hüllen fallen lassen, keine Scheu vor Nacktheit, geistiger Nacktheit, plus dem Ausbrechen aus einem lang etablierten (Familien)System - das wie alle Systeme auf Systemerhaltung programmiert ist - dafür braucht es einen nahezu unmenschliche Willen.

Die gleiche - anfangs erwähnte - Freundin zog ein Vergleich zur Physik. Um eine Masse aus dem Stand anzuschieben, bedarf es eines viel größeren Kraftaufwandes, als um eine Masse, die bereits in Bewegung ist, in Bewegung zu halten. Sie meinte, aus diesen transgenerationalen Prozessen herauszuwollen, gleiche dem Sprung aus einem fahrenden Zug. Schaffst du das, dann stehst du erst einmal da: ohne Zug, ohne Schienennetz und ohne den nötigen Schub, der eine neue Kiste in Bewegung setzt.

Gewiss ist jedoch, dass ohne dass solche Muster ins Bewußtsein hochgezogen werden, es keine Erlösung gibt. Dabei geht es mitnichten um die Klärung von Schuld - vermutlich der größte Hemmschuh bei der Suche nach Klärung - ,es geht um das Herrausschälen von Wahrheit, dem Durchbrechen von Mauern des Schweigens, dem Erkennen von Motiven - Motive, die chronisch wurden und ein Eigenleben entwickelten. *Was du von deinen Eltern erbst, erwirb es, um es zu besitzen* zitiert auch Dörthe Goethe. Und für was? Nur so ist Befreiung wie Freiheit, Selbstbestimmtheit wie Selbstverantwortung möglich. Ein harter Reifen - bei dem Unterstützung Not tut.


... mein heutiger Beitrag zu Katjas samstäglichen *Himmelsguckern*....

Kommentare :


  1. Sich solcher Mechanismen bewusst zu werden ist nur der Anfang, das darauf folgende Heilewerden muss auch erst einmal bewerkstelligt werden.
    Bis es zu einem guten Ende kommt, liegt ein Prozess, in dessen Verlauf das Verzeihen liegt. Das kann eine lebenslange Aufgabe sein.

    Ich mache die beiden Weltkriege ebenfalls für die vielen schrägen Verhaltensmuster in unseren Familien verantwortlich. Und es ist auch sehr deutlich zu sehen, wie sich diese Macken von Generation zu Generation weitergeben um sich dabei fortlaufend abzuschwächen.

    Und es sind nicht immer nur die Anderen: während ich mit all meinen familien-generierten (und selbsterzeugten) Macken so vor mich hin lebe, mache ich auch Fehler und lebe dann einfach weiter.
    So habe ich zum Beispiel Kinder bekommen und mir natürlich vorgenommen, es in der Erziehung anders zu machen, als meine Eltern das getan haben.

    Wie man sich denken kann, ist mir das nur in wenigen Bereichen gelungen. Ich ertappe mich immer wieder dabei, darüber nachzudenken, was ich hätte besser machen können. Manchmal wünschte ich mir sogar einen Zeitsprung nach hinten, um, mit meiner jetzigen Erfahrung als alter Frau, es besser hinzukriegen.

    Genau das geht aber nicht. Ich muss mit meinen Entscheidungen von damals leben und sie mir auch verzeihen, denn hättste-wollte-könnte ist eben nicht drin!

    Das Schwierigste ist es also nicht, dem Anderen zu vergeben. Sich selbst loszusprechen von dem was man getan oder gelassen hat und vielleicht immer noch tut und lässt, halte ich für ungleich schwerer.

    (btw: trotz meiner offenkundigen Fehler sind meine Kinder wunderbare Menschen, sie haben Spaß an ihrem Leben und machen mir große Freude. Das hätte dann schon mal geklappt. Ob ich an dieser Entwicklung wirklich großen Anteil habe, steht auf einem völlig anderen Blatt.)

    Und: wenn es die Gesetzmäßigkeiten der Weitergabe von kriegsbedingten Verhaltens- und Beziehungsmustern wirklich gibt, dann wären ja meine künftigen Enkelkinder fein raus, denn das ist ja dann die vierte Generation.

    Ich bin mir aber sicher, dass sich das Leben besser gestalten lässt, wenn man altbekannte Wege verlässt, auch mal fünf gerade sein lässt und sich nicht allzu viel darum schert, was die anderen sagen, vor allem wenn es die Stimmen aus der eigenen Familie sind!

    Für die anregenden Gedanken in ihrem Blogbeitrag bedanke ich mich herzlich; überhaupt finde ich Ihre Mischung aus leckerem Essen, toller Landschaft und Philosophie ganz wunderbar!

    Liebe Grüße von Kari

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    1. Was wäre das für eine schöne Zauberwelt, Kari, wenn sich derlei Prozesse von ganz alleine bereinigen oder gar ins Gute drehen würden. Einfach 4 Generationen abwarten, und alles wird - wie nach mehrmaligem Schleudergang - wieder reingewaschen oder auf Null gedreht. Es wäre ein Paradies. Und kein Mensch wäre gezungen, derart in der Scheiße zu stochern, um mühselig zu Klarheit und Wahrheit zu gelangen.

      Du scheinst mir, Kari, diese Übertragungsmechanismen, die unterschiedlichen Ausprägungen sowie deren Tragweite noch nicht ganz verstanden zu haben - es ist aber auch sehr komplex. Und obendrein sehr sensibel und ganz schnell verwoben mit persönlicher Emotionalität. Die weiterführenden Links bieten eigentlich eine ganz gute, zusätzliche Vertiefung. Ich hoffe, ich stehe dir damit nicht auf die Füße, sondern wetze dein Interesse lediglich - ich möchte mir ja eine geneigte Leserin wie dich nicht verprellen ;-)

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  2. Wow, toll geschrieben. Und ich - als schwarzes Schaf meiner Familie, wenn auch nicht verstossen; nur gänzlich unverstanden- kann viele Gedanken sehr nachvollziehen. Mir schwirrt gerade einiges ähnliches im Kopf herum, das sich in Bildern niederschlägt. Das ist das aktuellste: https://www.facebook.com/211362865548105/photos/pcb.2030352563649117/2030351323649241/?type=3&theater Heißt "free at last"

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    1. *Der Wunsch, verstanden zu werden* oder das *schwarze Schaf* zu sein, spiegelt andere Aspekte/ ein anderes Thema - wenngleich auch eine typische *Familienthematik*, soweit hast du recht, Constanze. Aber es ist ein Faß, das ich nicht zusätzlich aufmachen möchte.

      Es geht weder um verletzte Gefühle, Anklage, Ausgrenzung, noch darum Schmutz zu werfen.

      Es geht um Bewußtheit. Es geht darum, überhaupt die Existenz solcher grundsätzlicher, prinzipieller Muster wahrzunehmen - ersteinmal unabhängig der individuellen Ausprägung.

      Verstehst du, Constanze, was ich meine?

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  3. Danke für diese Erörterung, deren Tiefe und Deiner Offenheit nebst Gabe, auch unangenehme Dinge schonungslos auszusprechen.
    Ich denke weiter über all das nach was Du so wunderbar klug beschrieben hast.

    LG Elena

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    1. Durch die Begegnungen mit den Mädels ergab sich für mich die erweiterte Anschauung auf diese Familienmechanismen, die uns aus homöopathische Sicht schon lange interessieren. Es freut mich, Elena, wenn ich dein Interesse für dieses Phänomen wecken konnte - iss doch auch spannend, oder?
      viele liebe Grüße zurück...

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  4. Danke Micha. Ich kann zum gleichen Thema "Schweigen tut weh" von Alexandra Senfft empfehlen. Hat mir die Augen und den Verstand ein ganzes Stück geweitet.

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    1. Unfassbar, Chritiane, was Kriege für Leid verursachen. Schlimm. Und in was für Dimensionen...

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  5. Auch ich sage danke. Aus verschiedenen Gründen. Dieses Thema beschäftigt mich schon eine Weile. Ich beobachte, ergründe, setze Puzzleteile zusammen, scheitere, immer wieder. Bin betroffen oder schaue in anderen Fällen von außen drauf, nicht nur in meinem Familienzweig. Eine Beraterin meinte mal, sie denkt es wären sogar bis zu sieben Generationen, bis es sich aufgedröselt hat - puh! Vor allem dann, wenn man nicht schweigen oder weglächeln mag, wenn sich das nicht wie das geeignete Werkzeug anfühlt, um so manches auszuhalten. Wenn man versucht einzuwirken und umzulenken und nicht auch noch weiterzugeben steht man oft mit schweren Schultern erst mal ganz schön alleine da. Trotzdem lohnt es sich finde ich, hinzuschauen, dabei immer wieder versuchen Muster zu verstehen und dann zu bewerten und sich selbst ein bisschen (und fand ich deinen Begriff so passend) herauszuschälen. Stück für Stück. Und auch wenn man sich, da man nun selbst ein Kind hat, vornimmt es anders, wenn nicht sogar besser zu machen und vorzuleben, weiß ich, dass es nicht schwuppdiwupps so einfach geht. Also bleibe ich dran und dran und dran...

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    1. Vielen Dank, Julie, für deinen nachdenklichen Kommentar, den ich gerne gelesen habe. Ich stimme so sehr mit dir darüber ein, dass es schwere Arbeit und einsame Arbeit ist, Familie tiefer durchleuchten zu wollen. Überall Empfindlichkeiten.

      Aber ohne WIRKLICHES Interesse, kein genaueres Hinschauen, kein genaueres Hinhören, kein genaueres Hinterfragen - und eben keine Klarheit, Wahrheit und kein errungenes Bewußtsein.

      Nur: 7 Generationen bedeuten (errechnete) 256 beteiligte Personen - ein ganzes Dorf quasi. Und zählt man die ganzen Geschwister, Onkels, Tantens usw. dazu, dann kommt man schnell auf weit über Tausend. Dabei wissen wir noch nicht einmal Genaueres und vorallem Ehrliches über die Großeltern: immerhin auch bereits mindestens 14 beteiligte Personen.

      Alle Systeme sind von grundauf derart angelegt, sich selbst zu erhalten - heißt also: Systeme sind zunächst unveränderbar. Veränderung und Erlösung kann somit nur über und für eine einzelne Person kommen. Die wesentliche Frage für das Individuum lautet: mache ich bei diesem System mit oder nicht.

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  6. grad vor einer woche war ich bei einem biographiearbeit-seminar und habe dieses transgenerationsdings kennengelertn und natürlich auch bei mir/uns entdeckt - sehr spannend! mir tut es so leid, daß ich meinen kindern *dinge* weitergegeben habe ohne es zu wollen. nun heißt es graben und puzzeln, wobei das nicht so leicht ist weil meine eltern nicht mehr leben... danke für deinen text!

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