Samstag, 12. November 2016

NEIN - Selbstschutz

Dieser Tage rutschte Trude Simonsohn durch ihre mediale Aufmerksamkeit in mein Blickfeld, als sie zur ersten weiblichen Ehrenbürgerin der Stadt Frankfurt ernannt wurde. Eine charismatische Person, die mit einer Äußerung sofort Epoche bei mir machte. Zum einen, weil diese Aussage besonders Gewicht erhält Kraft ihres Alters (95 Jahre) eingeschlossen ihrer Lebenserfahrung (Ausschwitzüberlebende), zum anderen, weil sich ihr Satz nahtlos an eine andere innerlich bewahrte Geschichte ähnlicher Qualität anfügt. Ihr Wunsch ist, dass die Menschen nicht zögern, *zu jedem Unrecht sofort *Nein* zu sagen. Die Leute wissen nämlich ganz genau, dass sie Unrecht tun.*

Jahre allerdings ist es her, dass ich eine Dokumentation über Lothar Kannenberg sah: ein ehemaliger Profi-Boxer mit Drogenerfahrungen krempelt sein Leben nach einer Krebserkrankung rigoros um. Er gründet ein Trainingscamp für kriminelle und drogenabhängige Jugendliche, um ihnen die Chance auf Resozialisierung zu geben. Auf drei Säulen stützt sich dieses Camp: eiserne Struktur (knallharte Regeln, eng festgelegte, zeitliche Abläufe), die Gruppe (mitgehangen - mitgefangen, baut einer Mist, büßen alle) und körperliches Auspowern (Sport, Sport, Sport). Ein Satz von Lothar Kannenberg ließ mich damals aufhorchen: *Die Jugendlichen wissen, dass das, was sie tun, kriminell ist. Das muß ich ihnen nicht erklären. Sie tun es trotzdem.*

Wenn man diese beiden Ansätze konsequent weiterdenkt, wo landet man denn dann? Was macht das mit meinem Menschenbild?
 

Weiß der, der unverschämt ist, dass er unverschämt ist? Weiß der, der herrisch ist, dass er herrisch ist? Weiß die, die lügt, dass sie lügt? Weiß der, der anderen zu leid lebt, dass er ihnen zu leid lebt? Ist das wirklich so? Wäre krass, oder? Meine Blanko-Nachsicht allen Menschen gebenüber kommt damit ins Wanken. Erheblich.

Wie sagt Goethe mitfühlend *Alle Gebrechen sühnet reine Menschlichkeit*, bzw. jeder werfe den ersten Stein, der ohne Sünde ist. So weit, so richtig. Aber ein generelles Freisprechen oder Entschuldigen des Gegenübers kann kein bewußter Umgang zwischen Du und Ich sein.

Man solle sich trauen *vielleicht auch Nein zu sagen, wenn man sich nicht beliebt macht*, meint Trude Simonsohn, also die damit einher gehenden Unannehmlichkeiten nicht scheuen. Zivilcourage. Deutlich zeigt sich hier, dass sich dem anderen  in den Weg zu stellen, der weit größere Liebesdienst sein kann, als ihn durchzuwinken. Dank eines solchen Einschreitens erhält er/sie die Möglichkeit, aufzuwachen, umzudenken, .... vielleicht umzukehren.
 

Mindestens genauso wichtig finde ich den damit einher gehende Aspekt der Eigenverantwortlichkeit. Wie faßte Nena (jawohl, dafür habe ich ein klebriges Gedächtnis) Freiheit zusammen: bewußt und eigenverantwortlich. In zwei Worten - ist das nicht toll? Der Freiheitsbegriff elaboriert auf seine Essenz!

Wir reden doch genau von den Situationen, in denen man sich selbst kritisch ins Visier nehmen könnte, wie man seine Mitmenschen behandelt. Momente, in denen man acht geben sollte, eben weder zum Täter noch zum Opfer zu werden. Auch wenn die Jugend mit ihrem *ey, du Opfer* so tut, als wäre Täter der weit bessere Part. Gleiches Spiel nur anders verteilte Rollen.

Wenn man selbstverantworlich sein will, dann sollte man gewappnet sein, dass man von anderen nicht zum Opfer gemacht wird, sondern bereit ist, sich zu wehren. Und ich rede hier nicht von Gegengewalt oder richtig drastischen Situationen. Ich rede vom schlichten Verweigern, von dem kleinen Wort NEIN. Drehe ich meine eigene, seitherige Haltung versuchsweise mal um und gehe nicht mehr von einem Versehen aus, sondern wie Trude und Lothar von Absicht. Quasi als Motivationsgrundlage. Das macht den Stand gleich fester und die Stirn härter. So schwer kann doch NEIN nicht sein...



Die Himmelsbilder gehen in samstäglicher Gewohnheit zu Katja...

Kommentare:

  1. Ich glaube, ein Mensch weiß, wenn er unrecht tut. Bestes Beispiel letzte Woche beim übervollen Bäcker, wo sich ein Herr ganz vorne anstellte. Darauf angesprochen, dass er am falschen Ende der Schlange anfange bekam ich die Antwort "Ja aber da sind Sie doch selber Schuld, wenn Sie sich hinten anstellen, so ists viel effizienter". Was soll man da noch sagen...

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    1. Das *Herr* würde ich schon mal durch *Vollhonk* ersetzen ;). Ich gebe ganz ehrlich zu, dass ich sehr lange die Menschen für deutlich anständiger gehalten habe. Ich wollte nicht glauben, dass wirklich Absicht dahinter steckt. So leicht lassen sich *mildernde Umschläge* verteilen, etwa weil man das ein oder andere Verhalten mit *unachtsam* rausredet. Oderoder... Mir gegenüber möchte ich meine Grenzen ziehen können - und das geht ohne ein entschiedenes *Nein* nicht. In deinem Bäckerfall darf man sich überlegen, ob einem der Spast die Kraft wert ist, Aufsehen zu machen...

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  2. Deine berauschende Weitsicht lenkt fast vom wertvollen Text ab, aber nur fast.
    Ich glaube fest an eigenverantwortliches Handeln und an das Nein. Auch ein bisschen an Karma im höheren Sinn, aber vor allem daran, dass die Fähigkeit Stellung zu beziehen und dann auch diesen Worten Taten folgen zu lassen, neben der Fähigkeit zu Lieben das wichtigste Gut des Menschen ist. Und dass die meisten Menschen (sowohl privat als auch in der Politik) bedauerlicherweise von beidem zu wenig haben. Zu wenig Verbindlichkeit. Nein zu sagen zu etwas oder jemandem - oder auch jede andere konträre Position einzunehmen - erfordert Mut, auch den Mut, dann außerhalb von einer, womöglich seiner, Gruppe zu stehen - was für jedes Lebenwesen erst Mal beängstigend ist.
    Die Tage gab es in einer örtlichen FB-Gruppe eine Diskussion darüber, ob es eigentlich noch Sinn macht, sich Woche für Woche den nervtötenden Pegidas entgegenzustellen, wo das doch nur zu noch mehr Verkehrschaos und noch mehr Kosten für die Öffentlichkeit führen würde. Ich finde es macht Sinn, weil es manchmal einfach notwendig ist, laut "Nein" zu etwas sagen, damit die grölende Meute nicht auf die Idee kommt, sie vertrete die Meinung des schweigenden Volkes.
    Ich weiß aus Begegnungen in meiner eigenen Historie, dass nicht jedem Menschen bewusst ist, dass er sich im Unrecht befindet und anderen Unrecht tut oder sogar kriminell handelt, dass mancher nicht weiß, dass seine Gedanken, Ängste, Sicht auf Dinge nicht die Realität sind, sondern sondern nur persönliche Projektion und dass es deshalb sein kann, dass er sein Tun niemals in Frage stellt, sondern absolut davon überzeugt ist, dass er richtig denkt, bewertet und handelt und alle oder die meisten anderen falsch liegen - dass also das Schuldbewusstsein womöglich gar nicht vorhanden ist. Das trifft zum Beispiel auf Narzissten und andere Soziopathen zu (die leider mehr und mehr werden). Hier auf Einsicht oder Läuterung zu hoffen ist müßig. Ändern zum Besseren kann sich nur, wer sich in Frage stellt oder zumindest die Möglichkeit in Betracht zieht, falsch zu liegen.
    Herzlich, Katja

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    1. Ich glaube, für mich ist das Zentral das, wie du es auch so gut formulierst: die Kraft und den Mut zu entwickeln, individuell zu sein, *außerhalb von einer, womöglich seiner, Gruppe zu stehen*. Für sich selbst stehen können. Zu sich, seiner Meinung, seinen Werten. Dabei kommt man gar nicht umhin, immer und immer wieder auf andere zu treffen, die für ganz anderes einstehen. Was (politisch) eigentlich gelebte Demokratie ist. Individuell bedeutet für mich *Nein* letztlich Selbstschutz. Die Stachel des Igels. Wie in dem Busch Gedicht *Friedensheld*: 'und alsobald macht er sich rund, schließt einen dichten Stachelbund, und trotzt getrost der ganzen Welt, bewaffnet doch als Friedensheld'.
      herzliche Grüße zurück...

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  3. Hallo Katja, ich verstehe den Artikel anders. Micha habe ich seither und auch jetzt wieder so verstanden, dass sie nicht missionieren will und glaube, sie läßt sich nicht für irgend eine Gruppe einspannen. Denn mental kann man die Richtigkeit jeder noch so schrägen Richtung mit Argumenten "beweisen", es gibt für alles "Gründe und Logik".

    Für mein Verständnis meint Micha immer "nur" zunächst einmal den individuellen Menschen, also den Einzelnen, der genug Arbeit mit sich selbst hat, um zu sich selbst zu finden. (Vielleicht habe ich auch nur Probleme mit "Gruppen" in die man uns zwingend stecken will).
    Paula aus Minden

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    1. Liebe Paula - als würden wir uns kennen ;)
      Ja, du hast mich ganz und gar verstanden. Mein Wunsch für die Menschen ist, dass sie sich indivuell entwickeln. Und dass sie sich nicht verarschen lassen von anderen, die hochmütig, rotzfrech, achtlos oder gar bösartig sind. Und dann mit einem herzhaften *Nein* sich für sich selbst stark machen - und das meine ich nicht egoistisch, sondern im Mühen um seinen eigenen Wert. Aber was soll ich noch weiter anmerken: du hast mich ja schon bestens zusammengefaßt...
      ... viele liebe Grüße nach Minden

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  4. Danke.
    Gut und klar formulierte Ansicht; nachvollziehbar, geradezu empfehlenswert. Wohl auch schwierig; selbstverantwortlich und bewußt mit Situationen, mit Menschen und deren Handeln umgehen; ein klares Nein, wo nach Überlegung nötig: ja, das wäre einer guten Zukunft sehr zuträglich.

    Viele Grüße
    Elena

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  5. Ich schließe mich dir gerne an. Ich habe heute mit dem Entgegenstellen, dem Neinsagen angefangen in der Blogosphäre. Stellungnahmen zu posten reicht wohl nicht und in der "Blase" derjenigen zu verharren, die mit MIR übereinstimmen. Ich würde mich sehr über ein gemeinsames Vorgehen freuen, habe aber noch keine Idee, wie. Icons in der Seitenleiste reichen da bei weitem nicht...
    Liebe Grüße ins Midi!
    Astrid

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  6. Vielen Dank für deine wunderbaren Texte! Gudrun

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  7. ich glaube ehrlich gesagt, dass es unterschiedliche abstufungen gibt. es gibt diese dinge, bei denen es zwei seiten gibt. bei streitigkeiten zum beispiel. es gibt diese "verbrechen", die aus der not heraus geschehen. aus hunger ein brot stehlen zum beispiel. aber dann gibt es diese dinge, bei denen ganz bestimmt auch der täter weiß, dass es unrecht ist. die eben nicht aus not heraus passieren. deswegen glaube ich, dass man mit globaler nachsicht schon vorsichtig sein sollte. man braucht ja nur bei sich selbst anfangen. klar, wer ohne sünde ist, werfe den ersten stein. aber wie ging es dir, als du "deine sünde" begangen hast? ich habe selten derlei fehler gemacht, derer ich mir in dem moment nicht bewusst war. wenn ich gelogen habe, wusste ich, dass ich es getan habe. zum beispiel.

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