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Donnerstag, 18. Oktober 2018

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Sommer ist in Südfrankreich die Zeit zum Feiern. Dann finden überall gleichzeitig Feste satt, so dass man sich klonen müßte, wollte man auf allen Hochzeiten tanzen - jetzt werden veranstaltungstechnisch die Gehwege wieder hochgeklappt. Prima Gelegenheit mit Muse nach einem Buch zu greifen...

Nach meinen Post #12Monaten12Bücher spiele ich mit der Idee, eine weitere Liste mit *BücherZumReinenVergnügen* zusammenzustellen. Kommen Regen- und Wintertage, kommt möglicherweise Gelegenheit.

Bis dahin habe ich euch hier 8 Bücher unter den jüngst gelesenen ausgewählt. Lieblinge davon sind 3, 5 und 6 - in genau dieser Reihenfolge (hinter jedem Bild versteckt sich der Link dazu (kein Affilate-Link)):


https://www.rowohlt.de/buch/Wolfgang_Herrndorf_Tschick.2856971.html

*Tschick* wurde kürzlich von Fatih Akim verfilmt und deshalb fiel meine Aufmerksamkeit wieder auf das Buch. So weit ich weiß, ist *Tschick* mittlerweile Schullektüre und das Buch passt als kleiner Abenteuer-Antihelden-Roman auch sehr gut in dieses Alter. Mich hat Sprache wie Geschichte sehr amüsiert - ein äußerst kurzweiliges Lesen und der *Kevin-Kuranyi-Bart* bleibt mir ewig!


http://www.diogenes.ch/leser/titel/ian-mcewan/abbitte-9783257233803.html
Erstaunlich wie sehr sich *Abbitte* und *Solar* unterscheiden - wären es Gemälde, ich hätte bezweifelt, dass sie vom gleichen Maler stammen. Ich brauchte daher etwas, um reinzufinden. Elke Heidenreich zieht in ihrer Rezension wieder die ganz großen Register: „Als es mir wirklich schlecht ging, habe ich Abbitte gelesen. Ich habe gelesen und war gerettet“  - ich bleibe in meinem Urteil etwas zweigeteilt.

Begeistert hat mich an diesem Roman besonders seine Architektur. Selten hatte ich derart den Eindruck, dass eine Geschichte wie eine Partitur durchkomponiert wurde. Wie etwa dieser sensationelle stilistische Kniff: ein unglaublich malerischer Vergleich ließ mich beim ersten Lesen direkt aufmerken und der Autor zwang mich nach Dreiviertel-Lektüre des Buches an eben jene Stelle zurück. Sehr imponierend!

Gleichzeitig macht für mich die größte Stärke von *Abbitte* auch die größte Schwäche aus: es ist mir ZU konstruiert und dadurch verlor ich unterwegs die Empathie für die Figuren... Bref: *Solar* hat weiterhin die Nase deutlich vorn.


Wir sehen uns am Meer

Dieses Buch war unter meinen Tauschbüchern und ein absoluter Treffer. Große Empfehlung! *Wir sehen uns am Meer* erzählt die Geschichte einer Israelin und eines Palästinenser, die sich in New York kennen- und lieben lernen. Die Sinnlichkeit berührt mich und die Wärme, mit der in vielen arabischen Familien miteinander umgegangen wird. In intensiven Farben macht Rabinyan deutlich, wie ein nun 70jähriger Konflikt die dort lebenden Menschen traumatisiert: die Zäune ziehen sich längst nicht nur durch Territorium, sie sind mittlerweile fest in den Köpfen der Menschen installiert. So gerne würde man trotzig den Kopf in den Nacken werfen und rufen *Liebe überwindet alles*. Hier werden die Grenzen aufgezeigt.

Was mir bei der Lektüre ebenfalls zum allerersten Mal klar wurde ist, dass die Zwei-Saaten-Lösung schon längst keine Lösung mehr darstellt - dafür ist die israelische Siedlungspolitik viel zu weit fortgeschritten: die okkupierten Gebiete durchzwirbeln den Gazastreifen und das Westjordanland wie das Fett das Fleisch durchzieht. Diese zwei Staaten lassen sich nicht mehr (und nie wieder) auseinander dividieren. Daher kann Palästina (und die Welt) nur auf einen bipolaren Staat hoffen.


https://www.amazon.de/Die-Satteltasche-Bahiyyih-Nakhjavani/dp/3442750342

Wer  an dem Buch *Der Alchimist* Freude hatte, der wird auch *Die Satteltasche* gerne lesen. Eine schöne, poetische Parabel auf das Leben, die märchenhafte Wüstenwelt mit arabischer Mystik verbindet. Es braucht allerdings die Hinwendung zu einer höheren Macht, den Glauben an Sinnhaftigkeit und die Überzeugung, dass man seinem Schicksal nicht entfliehen kann - ansonsten sollte man die Finger davon lassen... 

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Dieser Buch stand nicht umsonst monatelang auf der Bestseller-Liste von Portugal. *Am Äquator* ist ein opulenter Roman mit klassischer Sog-Wirkung beim Lesen: der Lissaboner Lebemann Luis Bernardo Tavares wird 1905 von seinem König als Gouverneur in die am Äquator gelegenen portugiesischen Kolonien São Tomé und Príncipe geschickt. Knapp beschrieben könnte man es auf die Themen Kolonialismus, Sklaverei, Moral und Leidenschaften runterkürzen, aber das wird der Wucht, der Lebendigkeit und der Intensität der Figuren wie Geschichte nicht gerecht - es gilt: mittendrin statt nur dabei!

Tavares zitiert Victor Hugo aus einer Rede vor dem französischen Parlament, einen Satz, den ich mir aus dem Buch rausgeschrieben habe: *Natürlich wird es immer Unglückselige geben, aber es ist doch möglich, dass es keine Elenden mehr gibt*. Wo wäre die Welt, gäbe es mehr Politiker, die diese Marschrichtung ausweisen und umsetzen würden?


https://www.randomhouse.de/Taschenbuch/Suite-francaise/Irene-Nemirovsky/btb-Taschenbuch/e295062.rhd

Die Geschichte des Buches spielt im deutsch-besetzten Frankreich des 2.Weltkrieges - mit autobiographischen Elementen. Die Schriftstellerin mit jüdischen Wurzeln, Irène Némirovsky, wird im Konzentrationslager sterben. Erst die Töchter veröffentlichen 60 Jahre nach dem Tod den Roman ihrer Mutter, dessen letzten Seiten aus Tagebuch-Einträgen von Irène bestehen.

Ich brauchte etwas, bis ich mich richtig eingelesen hatte, aber gen Ende des Buches ergriff es mich mehr und mehr. Das zeigt sich vorallem an den vielen, vielen Zitaten, die ich mir aus diesem Buch extra notierte. Außerdem gab mir die Lektüre eine winzige Vorstellung, wie überleben aussehen kann in Zeiten von Krieg - eine Frage, die mir eigentlich unvorstellbar bleibt und doch finde ich hier kluge, klare, nüchterne, scharf beobachtete Antworten.

*Schließlich beurteilt jeder die Welt nur nach seinem eigenen Herzen. Nur der Geizige sieht den Eigennutz, nur der Lüstling die Begehrlichkeiten der Menschen*.

*Ernste Ereignisse, ob glücklich oder unglücklich, verändern die Seele eines Menschen zwar nicht, lassen sie jedoch deutlicher hervortreten, so wie ein Windstoß, der die toten Blätter hinwegfegt, die Form eines Baumes enthüllt; sie beleuchten, was im Dunkeln geblieben war; sie lenken den Geist in die Richtung, in der er in Zukunft wachsen wird*

*Die Gewißheit meiner inneren Freiheit [...], dieses unverwüstliche Gut, das zu verlieren oder zu bewahren einzig und allein bei mir liegt. Dass die bis zum äußersten getriebenen Leidenschaften, wie wir sie heute beobachten, am Ende erlöschen. Dass alles, was einen Anfang hatte, auch ein Ende finden wird. Mit einem Wort, dass Katastrophen vergehen und dass man versuchen muss, nicht vor ihnen unterzugehen, das ist alles. Zuerst also leben: primum vivere. In den Tag hinein. Überdauern, warten, hoffen.*


https://www.randomhouse.de/content/edition/covervoila_hires/Seethaler_REin_ganzes_Leben_159102.jpg

Mich hat die sehr aufs Existenzielle heruntergebrochene Biographie eines Bergbewohners nicht mitgenommen. Die körperliche Ebene wird mir zu überbewertet, ebenso wie der stoische Umgang mit Schmerz und Leid: eine archaische, raue, gewalttätige Welt, die es duldsam zu ertragen gilt. Duldsamkeit mag als Gegenentwurf zur heutigen Anspruchshaltung durchaus nachdenklich stimmen - richtig mit dem Hauptprotagonisten mitschwingen wollte ich dennoch nicht. Fazit: dieses Buch wurde nicht für mich geschrieben...


Léon und Louise

Trotz großer Begeisterung vieler Rezensenten (s. etwa bei Amazon) muß ich mich in die kleine Gruppe einsortieren, die mit dem Buch *Léon und Louise* nicht warm wurden: eine verschlungene Liebesgeschichte beginnend im 2. Weltkrieg. Die einen finden Capus Sprachstil gekennzeichnet durch eine *wunderbare Leichtigkeit* - für mich nivilliert er die unterschiedlichsten Qualitäten zu nettem Einerlei: Leidenschaft, Freundschaft, Neigung, Entbehrung, Trennung verschmelzen zu einem einzigen, heiteren Bild. Bref: ich hatte bei dieser Geschichte den Eindruck, das seichte Gewässer niemals zu verlassen, sondern sprachgewandter Oberflächlichkeit zu folgen...


https://www.randomhouse.de/Taschenbuch/Odins-Insel/Janne-Teller/btb-Taschenbuch/e374040.rhd

Von dem Titel *Odins Insel* versprach ich mir eine ordentliche Portion Mystik, was ich tatsächlich bekam, war eher das Gegenteil: Entmystifizierung von menschlichem Miteinander. Die Eckdaten des Romans sind eindeutig frei erfunden, ansonsten beschäftigt sich Janne Teller vorrangig mit durchaus realistischer Kritik an unserer heutigen Gesellschaft samt Politik. Sie zeigt auf, wie schnell etwas/ oder jemand instrumentalisiert und verfremdet werden kann aus Eigennutz einzelner Personen oder Gruppen. Missbrauch bezweckt Vorteile. Nichts leichter als verblendete Menschen - durch welche Ideologie auch immer - gegen einander aufzuhetzen. Und wie schnell dabei gesunder Menschenverstand, Logik und Toleranz über Bord geworfen werden.

Schön karikaturiert wird die Handlung durch die Weihnachtszeit, vor welchen Hintergrund diese Geschichte gestellt wird. Das Buch stand übrigens lange auf den Bestsellerlisten Dänemarks... Mal weiter rein hypothetisch: besiedelten hauptsächlich Individualisten diesen Planeten - derlei wäre nicht möglich; die wollen nämlich im Wesentlichen eines: ihre Ruhe.

Kommentare :

  1. Interessante Bücherliste! Das einzige Buch deiner Liste, dass ich vor gefühlt -zig Jahren gelesen habe, ist "Abbitte". Ich erinnere mich vage, dass ich es tw. auch sehr konstruiert u. langgezogen fand, dennoch interessant genug, um es zu Ende zu lesen. Da blieb ich lange IanMcEwan-abstinent.
    Unlängst kam ich preiswert zu seinem "Saturday". Das hat mich sehr gepackt, ein Tag aus dem Leben eines Londoner Neurochirurgen, der ihn und seine Familie unerwartet und schockierend durchrüttelt. Nach diesem Leseerlebnis griff ich dann umgehend zu "Kindswohl", welches auch im Kino läuft und wieder ein Leseerlebnis war. "Solar" werde ich nun auch lesen.
    Danke für den Tipp.
    Christine

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    1. Da stimmen wir in unserem Urteil über *Abbitte* überein, Christine. Aber *Solar* fand ich so gut, dass der McEwan auf jeden Fall noch ne Chance bekommt. Was war besser deiner Meinung nach: *Kindeswohl* oder *Saturday*?

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    2. Gaaaanz schwer zu sagen!
      Ich fand beide beeindruckend und spannend, mit jeweils überraschendem Finale. McEwan versteht es in beiden sehr gut, den tw. sehr detailverliebten Spannungsbogen dahin zu führen. Besonders bei "Saturday" braucht man mehr Geduld, aber es lohnt sich! Du siehst, ich kann mich nicht entscheiden.

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  2. Liebe Micha, es freut mich zu lesen, dass wir auch über Federica de Cesco hinaus eine große Schmökerschnittmenge haben und deine Empfehlungen der mir noch unbekannten werden ebenso vertrauensvoll gespeichert wie deine Rezeptempfehlungen. Aktuell bleibt jedoch zum Lesen kaum Zeit. Zum Kochen schon eher. "Gegessen werden muss" - und das gerne gut ;-) Liebe Grüße von Hannah

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