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Mittwoch, 14. Oktober 2020

Erbteil: Omis Apfelkuchen mit Nuss und Calvados


Weil die Omi im gleichen Haus mitwohnte, war es öfters möglich, bei ihr zu übernachten. Ihr Schlafzimmer füllte ein massives, hölzernes Doppelbett aus Eiche-rustikal, das bestimmt mehr als eine Tonne wog. An der Stirnseite darüber hing eines dieser pastelligen Heiligen-Bilder (die später wieder groß in Mode kommen sollten) eingefasst von einem verschnörkelten, goldenen Rahmen, worauf der Josef mit seinem Hirtenstab zu sehen war an der Seite von der Jungfrau Marie und dem Jesuskind. Und weil die Omi verwitwet war, stand das Bett neben ihr immer leer und bezugsbereit.

Vor dem Einschlafen holte sie dann für uns beide ein Pulmoll-Bonbon aus der roten Dose aus dem Nachttisch-Schränkchen, das wir (nach dem Zähneputzen!) synchron lutschten und das war auch der Moment, in dem ich sie als kleines Mädchen stets bat: *Omi, erzähl von früher als du Kind warst!* Die Omi war keine gute Geschichtenerzählerin, dafür aber sind Kinder umso bessere Zuhörer.

Die Omi lebte wieder in dem gleichen Dorf, in dem sie geboren war als älteste von insgesamt sieben Kindern eines bitterarmen Schneiderleins und seiner Frau. Sie waren so arm, dass die Eltern ihren Kindern noch nicht einmal ein Stückchen Schnur für die Peitsche ihres Kreisels entbehren konnten, worauf die Omi immer wieder zurückkam, so sehr fehlte es an allem. Schon früh träumte sie von der weiten Welt, sie wollte weg, sie wollte Schauspielerin werden (mindestens so realistisch wie Astronautin) und so verließ sie als junges Mädchen das Dorf um im nächst größeren Städtchen als Zimmermädchen in einem Arzthaushalt zu arbeiten: wenig Lohn und noch weniger Freizeit. Und dann kam der Krieg. Mit zwei jungen Soldaten hatte sie Briefkontakt (die geschenkte Bleistiftzeichnung des einen bewahrte sie bis zuletzt), beide fielen und kamen nicht mehr zurück. Aller Träume entledigt.

Sie heiratete dann einen wesentlich älteren Mann, mit dem sie die Liebe nie kennenlernte, aber der ihr finanzielle Sicherheit bot, die sie auch nicht kannte. Die akkurat gebundene Schleife ihrer Schürze wäre ihm an ihr als erstes aufgefallen. Zu gerne machte sie vor, wie perfekt sie diese blind auf dem Rücken zu binden wußte. Mit seinem Tod blieb ihr der gemeinsame, gerade erwachsen gewordende Sohn und ein gutes Vermögen. Doch einsam blieb die Omi bis an ihr Lebensende. Nie machte sie laut, dass sie deshalb etwas entbehrte. Schließe ich die Augen, dann sehe ich sie entweder alleine vor ihrem Teller am Küchentisch mit der Eckbank sitzen. Oder aber verschluckt von ihrem wuchtigen Ohrsessel zum Ausziehen - klein und schmächtig wie sie von jeher war -  mit Blick auf den Schrank mit gläsernen Türen und ihrer Sammeltassen-Sammlung dahinter, verloren in ihrem großen, völlig überhitzten Wohnzimmer, während sie mit ernstem Interesse ihre Yellow-Press-Heftchen durchblätterte. Es schien dann, als hätte die Armut, aus der sie einst entfohlen war, nichts mehr mit ihr zu tun. Oder hätte sich auf eine andere Ebene verlagert.

Schon seltsam, was sich bleibend in Erinnerung drückt, oder? Dererlei Gedanken kamen mir schon bei meinem Urgroßvater in den Sinn. Was weitergereicht wird und überdauert, erhält eine wohl schwer beeinflußbare Eigendynamik. Wie eben diese Geschichten, die Omi mir vererbt hat. Ihre Affinität fürs Geld etwa übertrug sie auf ihren Sohn, der wiederum meinen Teil ihres finanziellen Erbes auf sich *übertrug*. Außerdem hinterließ sie mir gleichzeitig ein paar Fragen: Kann man seine Herkunft vergessen? Kann man vergessen, von wo man mal startete? Und weiter überlegt: stellt denn in der Jugend jeder irgendwann die Weichen, um sich (vermutlich völlig unbewußt) zu entscheiden zwischen Geld und Liebe? Eine fundamentale, weitreichende Grundsatzentscheidung, über die das Leben später womöglich nicht so einfach wieder neu mit sich verhandeln lässt.

 


Dieser Apfelkuchen ist gar nicht von meiner Omi (hey, von ihr aber sind die Maultaschen), doch sie hätte heute Geburtstag gehabt. Da darf ich schon mal an sie denken, selbst wenn auch sie mich - als es drauf ankam - fallen ließ wie eine heiße Kartoffel. Davon abgesehen finde ich, dass das überhaupt ein richtiger Großmutter-Apfelkuchen ist: nämlich grundsolide und saftig, ungekünstelt und einfach. Raffinesse erhält er aber dennoch und zwar durch die mit Calvados marinierten Äpfel und die karamellisierte Zuckerkruste. Mit einem Schlag schmusiger Schlagsahne ein Wohlfühlschmaus!

Gebacken habe ich für Feriengäste, die sich heute wieder auf den Heimweg machten. Welche, die zum Stamm gehören, und für die ich unsere gemeinsame Zeit sehr gerne versüßte. Ganz unkompliziert konnten sie sich testen lassen, das Ergebnis hatten sie unterwegs auf ihrer Rückfahrt aufs Handy erhalten. Aber bald ändern sich ja wieder die Reise-Regeln... man kommt ja kaum hinterher... 

 

Zutaten:

180g Mehl (m: D630)
1/2 Päckchen Backpulver
180g Butter, weich
140g Rohrzucker
1Pr Salz
3 Eier
80g Nüsse (m: Walnüsse)*
1/2 TL Kardamom
1/2 TL Zimt
Ingwer, Nuss groß, gerieben
1 EL Crème fraîche
3 Äpfel (ca. 650g)
3 EL Calvados
3 EL Rohrzucker (ca. 40g)
3 EL Nüsse, gehackt

Zubereitung:

Die Äpfel schälen, vierteln und klein schneiden (m: die Viertel in Streifen geschnitten und dann in Stifte). Mit Calvados marinieren.

Den Ofen auf 180° (O/U-Hitze) vorheizen.

Die Nüsse in einer Pfanne ohne Fett rösten und nicht zu fein mahlen (m: Hälfte gehackt).

Die Butter mit dem Zucker schaumig rühren. Ein Ei nach dem anderen unterrühren. Die Gewürze ebenfalls zufügen und unterrühren. Mehl mit Backpulver mischen und in den Teig rühren. Zuletzt Crème, Nüsse und Äpfel unterheben.

Eine 26er Springform mit Backpapier auslegen. Rand buttern. Den Teig in die Form füllen und glatt streichen. Die 3 EL Nüsse darüber verteilen, ebenso die 3 EL Zucker darüber streuen. 

Den Kuchen für ca. 55min in den Ofen schieben.

Auskühlen lassen und mit Schlagsahne servieren

*Anmerkung m: am besten entfaltet der Kuchen sein Aroma, wenn er über Nacht durchziehen konnte/ mit Haselnüsse schmeckt der Kuchen ebenfalls sehr gut. Wer mag, puderzuckert den Kuchen zum servieren, verdeckt dadurch aber die leicht glitzernde Oberfläche

 

Kommentare :

  1. Der Kuchen klingt nach einem Gedicht - egal ob das Rezept von Deiner Oma ist oder nicht. :-)

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    1. Der Kuchen, Barbara, ist ein Klassiker. Leicht ein wenig abzuwandeln (Zitrone statt Calvados/ Spekulatius-Gewürz im Advent oder nur Zimt..../Mandeln, Pistazien...) - einer dieser Kuchen, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. Zu recht!

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  2. Liebe Micha, diese Geschichte resoniert süß-bitter bei mir. Nicht unbedingt wegen der Geld-oder-Liebe-Entscheidung deiner Omi, sondern eher wegen der traurigen Wendung am Ende. Das klingt nach Familienstreit um Lebenswege, Erbe und fehlender Akzeptanz des Kindes/Enkelkindes. Wild rein interpretiert, aber so kommt es irgendwie an. Ich bin – auch wenn ich an die Lebensentscheidungen meiner eigenen Oma denke, die bis zum Tod meines Opas verheiratet war, aber dafür auch viel aufgegeben hat – immer wieder froh, dass wir Frauen heutzutage a) Bildung bekommen und b) auch unverheiratet ein erfülltes Lebens führen können, das wir selbstbestimmt in die von uns gewählte Richtung leiten. Zumindest haben wir die Optionen, ob wir sie wahrnehmen, bleibt natürlich jeder einzelnen überlassen.

    Bei mir gibt es dieses Wochenende schon selbstgebackene Nussecken, aber dieser Apfelkuchen wäre sicherlich eine fantastische Alternative!

    Liebe Grüße
    Lara

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    1. Liebe Lara, tja Familie, da tobt das Leben! Ginge es nach mir, dann gründeten sich Familien (sprich: Mann & Frau als Grundstamm davon) stets auf Ehrlichkeit und Vertrauen. Dann kann man sich eigentlich gar nicht so sehr in fundamentale Scheiße reinreiten.

      Ansonsten gilt das französische Sprichwort: *Il vaut mieux d'être seul que mal accompagner! (lieber alleine als schlecht begleitet). Das gilt auch für Bande, in die man hineingeboren ist.

      Selbstgebackene Nussecken? Hast du da ein Lieblingsrezept?
      Schönes WE euch!

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  3. Bittersüß. Danke, Micha!
    Passenderweise habe ich just die Nacht von meiner Omi geträumt.
    Herzlich: Charlotte

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    1. Familie - wie Gesellschaft im Kleinen: gut durchgemischt ;)
      Hoffentlich ein schöner Traum von deiner Omi, liebe Charlotte!

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  4. Hallo Mika,
    ich denke, Lara hat recht. Du hattest einmal erklärt, dass Familien absolut am Ende sind durch:
    erst die Lügen,
    dann die Intrigen,
    dann folgen die Schmierenkomödien.
    Was bleibt sind Lug und Betrug von lauter kleinen Würstchen.

    Du hattest einmal Peter Scholl-Latour zitiert mit: „der Fluch der bösen Tat“. Wie wahr. Meine Erfahrung hat mich gelehrt: es dauert oft sehr lange, aber irgendwann ist Zahltag, irgendwann kommt der Bumerang zurück. Manchmal mehrfach, selbst nach Generationen.
    Und das wünsche ich niemanden, ist aber wohl gerecht und tut sehr weh.
    Ein harmonisches Wochenende wünscht Dir Klaus

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    1. Oh, das liest aber schon länger jemand mit, Klaus!
      Danke für deine Wortmeldung - und ich kann es nicht anders sehen wie du. Wenn man sich als Paar nicht vertrauen kann, wenn man seinem Nächsten nicht vertrauen kann: wem dann??? Insofern machen Lügen Beziehungen wie Familien kaputt. Du scheinst ähnliche Erfahrungen gemacht zu haben?

      Das Schiller-Zitat, welches Scholl-Latour für seinen Buchtitel herangezogen hat, finde ich auch sehr beeindruckend!
      Dir ebenfalls ein schönes WE mit herzlichen Grüßen!

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  5. Liebe Micha
    Der Kuchen schmeckt herrlich... ich konnte nicht warten, bis er abgekühlt war - daher mein Tipp: lauwarm ein Gedicht. Heute gabs noch den Rest, schön durchgezogen wie du empfiehlst und auch so schmeckt er ausgezeichnet.
    Ich bin auf Amaretto und ein wenig Apfelsaft ausgewichen.
    Familie- du sagst es: eine verzwickte Sache..... ich bin froh, kann ich den alten Teil meiner Geschichte nach und nach hinter mir lassen und zumindest im Hier und Jetzt mit meiner eigenen versuchen mein Bestes zu geben und die Beziehungen lebendig, wahrhaftig und in Liebe zu gestalten.
    Pierina

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    1. Liebe Pierina, was eine schöne Rückmeldung - ich freue mich! Also gut, das nächste Mal wird er auf deine Empfehlung lauwarm angeschnitten. Und deine Version mit Amaretto stelle ich mir auch köstlich vor. Schön, dass du da so kreativ bist. Ach, so macht foodbloggen Spaß :)

      Ansonsten, ebenfalls gut gesagt: Familie, ein verzwicktes Unterfangen! Und das Beste was man machen kann, ist im Hier und Jetzt sich strebend stetig bemühen (ganz mit Goethe) und das Schlechte hinter sich lassen! Wir scheinen in die gleiche Richtung zu ziehen ;) herzliche Grüße!

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  6. Liebe Micha,
    obwohl ich eigentlich noch mal Zwetschenkuchen machen wollte, klingt das rezept so lecker, dass ich morgen den leckeren Apfelkuchen backen werde.
    Mit Kuchen, Hühnersuppe und kleinen Geschenken werden wir dann zum ersten Mal unseren Enkel besuchen, der letzte Woche - 3 Wochen zu früh - das Licht der Welt erblickt hat.
    Die junge Mutter hat sich Kuchen und was zum Essen gewünscht. Ja, mit einem Baby schafft an es grad mal, zu duschen. Deshab erscheinen die Großeltern mit Naturalien.
    Ganz liebe Grüße
    Hanne

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    1. Liebe Hanne, WAS SCHÖNE NACHRICHTEN! Wir freuen uns mit euch! Herzlichen Glückwunsch an die Eltern und den Opi und die Omi :-)! Und dem kleinen neuen Erdenbürger: *Bienvenue*! Wie aufregend für alle! Ich hoffe irgendwann noch auf eine Mail! Und dann sollte doch ein waschechter Omi-Kuchen passen zu dieser Gelegenheit wie die Faust aufs Auge!
      ganz viele liebe Grüße nach HH!

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  7. Liebe Micha,
    ich lese schon länger mit, aber dieses Rezept habe ich als erstes ausprobiert. Einfach nur lecker. Habe das Rezept gleich zweimal weitergegeben auf Anfrage.
    Ich hab Rum genommen, mangels Calvados, aber Amaretto hört sich auch nach einer guten Idee an!
    Ansonsten war bei mir Hafersahne statt Crème Fraîche drin.
    Und die Nüsse alle gehackt, weil ich zu faul war, eine Maschine zu bemühen und sie anschließend zu säubern (meine Moulinette ist leider vor einem Jahr gestorben), was zum aktuellen Beitrag passt.... Dadurch war der Kuchen in der Mitte etwas batschiger - aber genau das fanden die Mitesser auch klasse!
    Danke und LG
    Nathalie

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    1. Oh, was eine schöne Rückmeldung - Danke, Nathalie! Womit dein kulinarischer Einstieg hier auf eine längere, gemeinsame Reise hoffen lässt! Ich würde mich freuen, wenn es dir auch weiterhin schmeckt :) Schönen SO und viele liebe Grüße zurück...

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