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Sonntag, 22. November 2020

Lebendig: Hutzelbrot, Apfelbrot, Schnitzbrot


Eine der wenigen Geschichten, die mir von der Omi von meinem Großvater überliefert wurden, ist die, wie seine kleine Heimatstadt nach einem Luftangriff der Alliierten in Flammen stand. Während er sich eine komplette Flasche Schnaps hinter die Binde kippte, gelang es ihm sein Haus zu löschen. 

Auch der Habib erzählt, wie er beim Bau hier in Südfrankreich versuchte mit einem Kumpel die immens schweren, nass gelieferten, langen und dicken Decken- und Dachbalken nach oben zu tragen. Alleine: sie bekamen die Balken noch nicht einmal angehoben. Dann nachts im Suff schleppten sie die Dinger einen nach dem anderen hoch, sich kaputtlachend, wo denn nun mittags noch das Problem gewesen war?! Alkohol kann ungeheuere Kräfte freisetzen, wofür die Rechnung später beglichen werden muss. Die zwei konnten am nächsten Tag noch nicht einmal mehr aus dem Bett aufstehen...

Ab und an überkommt mich in der letzten Zeit ein Anflug von Alk-Lust. Nicht, dass ich gerade Zusatz-Energie benötigen würde, eher überhaupt nicht, aber der AZ drückt. Es gibt immer wieder Tage, an denen sich im Tal eine gespenstische Stille breit macht. Ganz so, als würde sich alles tot stellen. Zombie-Time! Ach, wie seltsam das anmutet als Weltenbürgerin und Gernereisende, dass selbst Nachbarländer auf einen Schlag in unerreichbare Ferne gerückt sind. Die Welt hat unsichtbare Gitterstäbe erhalten und manchmal scheint hinter tausend Stäben keine Welt mehr. Ein bißchen Betäubung würde gut tun; die Achseln weit gen Ohren ziehen und *schietegal* denken können; einen Weichzeichner-Puffer die Kehle runter fließen lassen...

Doch der Anflug verschwindet schnell wieder. Zu kostbar ist mir die Nüchternheit geworden, die Klarheit und die Intensität, die damit einher geht. Im Guten wie im Schlechten. Leben heißt fühlen! ALLES. Kein Fitzelchen will man sich entgehen lassen, wenn man erst einmal kapiert hat, dass die gefühlte, erlebte Erfahrung das Ambrosia dieses Planeten ist, der Sinn unseres Daseins. Diese erst macht ein Lebewesen zum Lebewesen. Wer nichts mehr fühlt ist tot. Ohne ein intaktes Gemüt ist alles nichts - und schlau sein ist kein Ersatz. Denn während Körper und Intellekt mechanischen Gesetzen unterworfen sind, haucht Gefühl und Geist dem Wesen den eigentlichen Odem ein. Der Körper und der Intellekt sind die Rabauken-Brüder, die gerne mal zur Waffe greifen.

Wobei es sogar bereits bei Lebzeiten passieren kann, dass sich im Inneren nichts mehr regt. Kein Gespür mehr für den Augenblick. Lachen verkauft, Seele verkauft. Kein Ausschlag in irgendeine Richtung. Wie offenbart Ina während ihres Gesprächs mit Nena: *Ich fühle sehr oft nichts. Das ist ja auch gut.* Oder nicht so gut. Wenn Reize im Inneren keinen Resonanz-Körper mehr haben, dann muss das Empfangsgerät kaputt sein. Wie sagt (nochmals) Rilke: *Nirgends, Geliebte, wird Welt sein, als innen*. Doch wenn dort nix mehr webt und bebt... Je kostbarer etwas ist, umso schwieriger gestaltet sich die Reparatur. Dann ist kaputt sehr schnell kaputt. Wie Vertrauen, dass sich auch nicht einfach wiederherstellen läßt, wenn es zu sehr beansprucht wurde.

Sehr beeindruckte mich der Gedankengang eines russischen Philosophen: *Ein paar Jahrhunderte zurück haben wir den Weg der Technologie gewählt. Wir versuchen, die Umwelt und die Natur unserem Willen zu unterwerfen. Als Konsequenz haben wir den Kontakt zu unserem Inneren verloren, wir haben uns damit total entfremdet von uns selbst. Wir haben uns völlig nach außen orientiert und uns dabei von Subjekten zu Objekten gemacht. So haben wir unsere Seele verloren. Wir haben damit Gott getötet. Und nun töten wir den Menschen exakt auf die gleiche Art, wie wir Gott getötet haben. Wir haben die spirituelle Dimension des Seins verloren.*

 


Die inneren Werte dieses Gebäcks erkennt man direkt am Gewicht - der Gehalt der süßen Brote wiegt ordentlich in der Hand. Ich hatte bereits ein Früchtebrot im Hinterkopf zum Backen, ausschlaggebender Anstoß war dann aber das handgeschriebene Rezept von einem Apfelbrot, das mir mit dicker Empfehlung weitergeleitet wurde (coucou Annette).

Ähnlich wie bei der Mousse au Chocolat oder bei der Tarte Tatin verglich ich daraufhin einige Rezepte miteinander, um mir daraus mein eigenes zu basteln. Ich entschied mich gegen Hefe und für Backpulver, ganz klar auch für Vollkorn, denn in solchem Süßkram unterstütz das Vollkorn den nussigen Geschmack perfekt. Ansonsten war mein Leitsatz: viel hilft viel. Mit Nüssen und Trockenobst wurde nicht gekleckert -  dafür habe ich den Zucker nahezu rausgekürzt. Ganz neu wurde von mir ein Chia-Quellstück hinzugefügt.

Bei veganer und vollwertiger Schleckerei bin ich gerne etwas skeptisch - das klingt schnell nach Tanzverbot oder brauner Cordhose. Obwohl vollwertige, vegane Ernährung eigentlich mein angestrebtes Ideal ist. Trotzdem war ich überrascht, dass es mir mit dem Hutzelbrot ähnlich wie mit meiner Linzer (die ich uns nächstes Wochenende zum ersten Advent backen werde) geht: ich bin mein bester Kunde. Ich bin sowas von schwer angefüttert, ich kann mir kaum selbst auf die Finger hauen. Das darf ich - um mich vor mir selbst zu schützen - nicht zu oft backen. Und ich kann euch gar nicht sagen, wann das Apfelbrot am besten schmeckt. Einen Teil habe ich eingefroren, den anderen Teil haben wir binnen einer Woche wegverknuspert. Und von Tag 2 bis Tag 7 schmeckte es mir gleichbleibend gut, denn das Brot hält sich (eingewickelt in Backpapier im Kühlschrank) gleichbleibend saftig und die Aromen ziehen immer besser durch.

Obendrein kommt es meiner Bequemlichkeit bei der Zuckerbäckerei entgegen: ohne großen Aufwand sind die Brote in den Ofen geschoben, egal ob als kleine Brötchen oder in zwei Kuchenformen...

 

Zutaten 2 Brote (25cm-Kastenform) oder 12 kleine Brötchen:

750g Apfel
50g Rohrzucker
500g Mehl (m: 450g Einkorn-Vollkorn, 50g Roggen-Vollkorn)*
1 1/2 Päckchen Backpulver
450g Nüsse (m: 200g Haselnüsse/ 200g Mandeln/ 150g Walnüsse)
250g Rosinen (m: 100g davon Cranberries)
4 EL Rum (oder Kirschwasser) 
500g Trockenobst (m: Datteln, Feigen, Aprikosen/ 100g kandierter Ingwer)
100g Orangeat (m: 50g)
100g Zitronat (m: 50g)
1 1/2 EL Kakao-Pulver
1 EL Zimt
1/4 TL Nelke
1/4 TL Piment
1/2 TL Kardamom
 
35g Chia-Samen
100ml Wasser

Puderzucker
Mandarinensaft 

Zubereitung:

Äpfel am Vorabend mit Schale (aber ohne Kerngehäuse) grob reiben, in eine große Schüssel geben, mit 50g Zucker mischen, abdecken  und über Nacht Saft ziehen lassen. Gleichzeitig das Chia-Quellstück ansetzen und nach 5min ein zweites Mal umrühren. Rosinen (und Cranberries) im Rum eine Nacht marinieren.

Nüsse grob hacken. Trockenobst ebenfalls etwas kleiner schneiden. Mehl mit dem Backpulver mischen. Und nun alle Zutaten in der großen Schüssel sorgfältig und kräftig von Hand vermengen (am besten mit Handschuhen, die Nüsse schieben sich leicht unter das Nagelbett) - darauf achten, dass keine Mehlnester übrig bleiben.

Ofen auf 180° (O/U-Hitze) vorheizen.

Formen sorgfältig fetten (oder mit Backpapier auslegen) - Teigmasse in beide Formen verteilen, gut glatt streichen. Wer mag kann auch mit feuchten Händen kleine Brötchen formen und sie auf ein mit Backpapier ausglegtes Backpapier setzen (m: benutzte eine Silikon-Form für 6 kleine Kuchen). Große Brote ca. 70 min backen (m: letzten 10min ausserhalb der Form), kleine Brote ca. 35 min

Optional einen Puderzuckerguß mit Mandarinensaft (oder Rum...) anrühren, den noch warmen Kuchen damit bestreichen und die Brote mit Trockenobst und Nüssen (m: auch getrockneten Apfel verwendet) verzieren.

Anmerkung m: viele vergleichbare Rezepte verwenden mehr Zucker (250g), weniger Nüsse und Trockenobst, keinen Chia und kein Roggenmehl/ ich mag ein Mal mehr den kandierten Ingwer sehr in diesem Brot/ Einkorn habe ich deshalb gewählt, weil mein petit épeautre *ums Eck* aufwächst: in der haute provence - ihr könnt nach Lust und Laune etwa gegen Dinkel austauschen

Inspiration: Annette, Zimtkringel



Kommentare :

  1. Liebe Micha, das klingt ziemlich perfekt, auch wenns unters Nagelbett geht :-) Ach ja, alles scheint so unerreichbar..... manchmal kommts mir sehr schwer an. Kann nur besser werden, hoffe ich zumindest! Auf ein Wiedersehen - euch schon mal einen kuschligen Advent! Margot

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    1. Das hoffe ich doch auch, Margot, dass wir uns wiedersehen! Bis dahin gilt es - verstärkt - sie den Alltag ein bißchen schöner zu kochen. Das hält die Ohren leichter steif nach oben!

      ganz herzliche Grüße nach München!

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  2. Im Faust lässt unser großer Meister Goethe die Hexe im Hexeneinmaleins das mit wenigen Worten so erklären:
    :“…. Aus eins mach 10,
    die 2 lass gehen,
    die 3 mach gleich,
    so bist du reich.
    Die 4 verlier,…………………………………..
    …..und 10 ist eins.
    Das ist das Hexeneinmaleins.

    Übersetzung:
    Wer für Macht seine Seele verkaufen will an böse Mächte, der muss seine jetzige Konzeption (1) aufgeben, den Tisch abräumen, einen neuen, leeren Raum schaffen. (0)
    Darin haben das natürliche Fühlen oder das Gemüt keinerlei Platz, (2)
    Beherrscher ist der (3) Intellekt, unser „Spagetti“-Kopf,
    Nur so wird man reich und bekommt Macht.
    Verlieren muss man auf alle Fälle…..

    Eine Frau, die Ihre Seele verkauft hatte und nur noch im Dienste des Bösen stand schrieb mit: „…wenn ich die Wahl habe zwischen der Willkür und Gott, dann Wähle ich die Willkür.“… Den Begriff Fühlen oder gar Gemüt konnte sie nicht mehr wirklich erklären.
    Könnte man das Hexeneinmaleins nicht umdrehen zum Guten, solange noch Zeit ist??

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  3. Ja in dieser Zeit hilft nur kochen und so schöne Kochblogs wie dieser.

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  4. Noch nie sooo hübsches Früchtebrot gesehen, ehrlich... Dazu deine so kostbaren Gedanken und dann noch mein Rilke-Liebling! Ich schmelze...

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    1. Du musst es probieren, Maria, damit überzeugt man alle vollwertigen-veganen Süßschleckerskeptiker mit dem ersten Bissen!

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  5. Oh, sieht das gut aus! Ob man das auch so wunderbar hinbekommt ohne französische Landluft drumherum? :-))) Und unser Goethe! Wie oft im Unterricht diskutiert, unendlich viele Male. Und immer wieder neu zu sehen, jeden Tag! Im Faustschen Sinne, herzlich, Sunni

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    1. Auf jeden Fall, liebe Sunni, bekommst du das hin. Durch deine Adern fließen schließlich südfranzösische Erinnerungen :)

      Und entgegen der Meinung vieler (etwa meines Profs) halte ich Goethe für viel eindeutiger - und nicht für polyvalent, wofür er gerne erklärt wird, nur weil er nicht verstanden wird:

      *Die Natur ist wie ein Beil. Grad und einfach geht sie hindurch, und nur die unendliche Modifikation des einzelnen macht es so schwer, sie zu verstehen.* Goethe

      ganz herzlich zurück...

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  6. Vorsicht, dieses Früchtebrot macht abhängig und süchtig!!!

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    1. Ein Warnhinweis, den ich (leider) ebenfalls beachten muss!

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  7. Liebe Micha,

    ich liiiiebe Früchtebrot und würde deine Variante gerne nachbacken. Bis auf die Chia-Samen, die ich gerne durch Sesam (oder auch Leinsamenkörner) ersetzen würde. Leider bin ich trotz intensiver Suche nicht fündig geworden, wieviel Gramm Sesam die entsprechende Menge Flüssigkeit bindet im Vergleich zu dem von dir verwendeten Chia. Hast Du vielleicht eine Idee?

    Herzliche Grüße
    Elke

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    1. Also das kann ich dir leider auch nicht beantworten, Elke. Was spricht gegen Chia? Du kannst das Quellstück auch einfach weglassen - sämtliche Rezepte, die ich mir angeschaut habe, kommen ohne aus. Ich denke allerdings, dass es das Brot etwas länger saftig hält...
      herzlich zurück...

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    2. Gerade gut ausgekühlt angeschnitten - mmmh, davon könnte ich mich jetzt glatt bis Weihnachten ausschließlich ernähren ... köstlich! Vielen Dank für das unkomplizierte Rezept und auch für den Tipp mit dem portionsweise Einfrieren - ich hoffe, das wirkt hinreichend als Hemmschwelle zur Verhinderung, obige Vorstellung in die Tat umzusetzen ...

      Elke

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    3. Schön zu lesen, dass es dir nicht besser geht als mir, Elke! Ja und wie hast du es nun gemacht? Doch mit Chia?

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    4. Nee, das war leider nicht vorrätig. Ich habe aber gerade noch rechtzeitig eine Tabelle bei Dietmar Kappl für Quellstücke mit den verschiedenen Saaten gefunden und mich dann mit Sesam und Leinsamen beholfen, da reichlich vorhanden.


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  8. Liebe Micha, bis zu deinem Post wägte ich mich in der Sicherheit ein sehr gutes Früchtebrotrezept zu haben und bin nun (wieder mal) belehrt: Es ist immer noch Luft nach oben! Dein Früchtebrot ist sooo gut! Ich konnte nichtmals das komplette Auskühlen abwarten, sondern hab mir ofenwarm direkt ein Stück gegönnt. Köstlich! Anfangs dachte ich ja: Upps, ne ganz schöne Menge - da hab ich gleich ein paar nette Geschenke... Nun, da bin ich mir jetzt gar nicht sooo sicher ;-) Es müssen auf jeden Fall seeehr nette Menschen sein, mit denen ich dieses Früchtebrot teile. Danke, dass du das Rezept mit uns teilst!
    Bepinselt habe ich meine übrigens mit warmer Butter und leicht erwärmten Sirup von meinem selbstgemachten Orangeat/Zitronat. Das wird dann zwar nicht so schön weiß, glänzt aber schön und schmeckt unheimlich gut! Viele Grüße von Hannah

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  9. ach, was vielleicht noch erwähnenswert ist: Ich glaube - wenn ich mir so deine Fotos angucke und mit meinen Exemplaren vergleiche: Dass sich das Backen in einer bzw. mehreren Formen anbietet, denn bei meinen sind die äußeren Früchte etwas dunkel geworden. ICh habe aber nun keine solchen kleinen Formen und hatte eben einfach 12 kleine Brote geformt. Ich halte die Augen nun offen nach so einer Form wie du sie beschreibst ;-)
    Herzlich, Hannah

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